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Eine Spitzkachel aus Großostheim
 
 
     
Galerie
 
 

Fragment einer Spitzkachel,
unglasiert ; Großostheim (?), Ende 12. Jh.,
H. 18,0 cm

Großostheim, Bachgaumuseum

Im Bachgaumuseum in Großostheim hat sich eine Spitzkachel erhalten. Sie wurde beim Neubau der Volksbank in Großostheim geborgen. In ihrer Form entspricht sie ähnlichen hoch- und spätmittelalterliche Kacheln am gesamten Untermain, in Hessen und in Thüringen. Die grob elliptische Kachel wurde auf der schnell drehenden Töpferscheibe gefertigt, wobei der Boden vergleichsweise dick belassen und erst nachträglich spitz ausgedrückt wurde. Die nachträgliche Freihandausformung verleiht den Stücken insbesondere im unteren Drittel eine unruhige Oberfläche, die zusätzlich mit Fingereindrücken belebt wurde. Die Kachel läuft nach unten hin in einer Spitze aus. Sie ist namensgebend für diese Art von Ofenkachel. Ihr Rand ist leicht s-förmig geschwungen und bildet unterhalb der Mündung eine Kehle aus. Mit der Kehle war es möglich, die Keramik im Oberlehm des Ofenkörpers dauerhaft zu verankern. Kacheln dieser Art waren insbesondere im Rhein-Main-Raum weit verbreitet. Der Main bildet dabei - vom Rhein-Main-Gebiet abgesehen, ziemlich exakt die Südgrenze der Verbreitung. Nach norden hin definiert sich das Verbreitungsgebiet durch Funde aus Niedersachsen und Westfalen [1]. In Entsprechung zu untermainischen Fundkomplexen lassen sich in Westfalen die frühesten Spitzkacheln in das ausgehende 12. Jahrhundert datieren [2]. Nur unwesentlich jünger sind die Spitzkacheln aus dem niedersächsischen Einbeck [3]. Der Schlusspunkt der Entwicklung der Spitzenkachel wird für das erste Drittel des 14. Jahrhunderts angenommen. Allerdings wurden auch noch um 1400 in Coppengrave Kachen dieser Art gefertigt [4].

Hans-Georg Stephan sprach 1991 davon, dass nach derzeitigem Forschungsstand die "vom Scherben her relativ archaisch wirkenden [Spitzkacheln]" lediglich eine "grobe Datierung" erlauben [5]. Klaus Engelbach (1993), Lutz Jansen (2001) und Julia Hallenkamp-Lumpe (2006) haben diese Kachelform in ein chronologisches Grundgerüst eingebunden [6]. Kriterien sind dabei die Grundform, die Furchung beziehungsweise Riefung unterhalb der Mündung sowie der Trend zur einheitlichen Scherbenfarbe. Die Spitzkacheln vom Anfang des 14. Jahrhunderts unterscheiden sich mit ihrem glatt abgestrichenen Rand, ihrem vergleichsweise großen Mündungsdurchmesser und der steilen Spitze deutlich von ihren hochmittelalterlichen Vorgängern. Während des gesamten Verlauf der die Entwicklung ist dabei die Tendenz festzustellen, das Ganze mit Hilfe eines Standring oder der eines gekniffenen Fußes den ebenfalls in jenen Epochen verwendeten Becherkacheln anzugleichen. Obwohl zeitglich waren, zumindest nach derzeitiger Befundlage, beide Kachelformen niemals gemeinsam in einem Ofen verbaut. Um die Entwicklung zu verdeutlichen und die formale Spannbreite auzuzeigen, wurde die siebenteilige Gliederung Jansens (Typ G-M) [7] auf drei Formen reduziert: auf die schwach gebauchte Spitzbodenkachel mit ausbiegenden Dreiecksrändern (Jansen Typ H), auf die schlanke Spitzbodenkachel mit Dreiecksrand und abgesetzter Schulter (Jensen Typ K) und auf die schlanke Spitzbodenkachel (Jansen Typ M).

Typologische Entwicklung der Spitzkachel
am Beisplei von Spitzkacheln
aus Großostheim (Ende 12. Jh.), Friedberg (13. Jh.) und Darmstadt (Anfang 14. Jh.)
(von links nach rechts).

Spitzkacheln waren in losem Verband in die Wandung eines kalottenförmigen Ofens eingebaut. Dabei wies die Spitze stets zum Ofeninneren. Kombinationen von Spitzkacheln mit Becher-, Teller-, Pilz-, Napf- oder Halbzylinderkacheln sind bislang nicht nachgewiesen. Über die Grundform der Öfen geben die Funde aus dem Kloster Breitenau und aus Büdigen-Großendorf Auskunft [8].



* © Harald Rosmanitz, Partenstein 2010

Anmerkungen:

[1] Stephan 1991, 19-22; Hallenkamp-Lumpe 2006, 20-27. Lumpe spricht diese Kacheln als "Topfkacheln" an.
[2] Hallenkamp-Lumpe 2006, 20f.
[3] Hege 1998, 23; Roth-Heege 2002, 212.
[4] Stephan 1991, 20.
[5] Zit. Stephan 1991, 19.
[6] Engelbach1993, 131f.; Jansen 2001, 183-185; Hallenkamp-Lumpe 2006, 24f.
[7] Jansen 2001, 181-192.
[8] Harrberg 1956, 257-261; Heuson 1974, 174f.

Weiterführende Literatur:

Klaus Engelbach, Ofenkacheln und Kachelöfen des 14. Jahrhunderts in Mittelhessen. Beiträge vom 25. Internationalen Hafnerei-Symposium in Lienz/Osttirol 1992. Nearchos 1, 1993, 127-142.;
Rudolf Haarberg, Bericht über die Grabung einer Wölbtopfanlage auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Breitenau. Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 6, 1956, 257-261;
Stefan Gerlach, Brigitte Haas, Tilmman Mittelstraß, Frank Müller u. Irene Schmidt, Ein Töpferofen mit Abfallgrube des 14. Jahrhunderts in Würzburg. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 52, 1987, 133-230;
Julia Hallenkamp-Lumpe, Studien zur Ofenkeramik des 12. bis 17. Jahrhunderts anhand von Bodenfunden aus Westfalen-Lippe (Denkmalpflege und Forschungen in Westfalen, Band 42). Mainz 2006; 20-27;
Andreas Heege, Einbeck, Negenborner Weg. Die archäologischen, pollenanalytischen, zoologischen und keramiktechnologischen Ergebnisse im Überblick. In: Andreas Heege u.a. [Hg.), Einbeck- Negenborner Weg I: Naturwissenschaftliche Studien zu einer Töpferei des 12. und frühen 13. Jahrhunderts in Niedersachsen. Keramiktechnologie, Palaeobotanik, Pollenanalyse, Archäozoologie (Studien zur Einbecker Geschicte; Bd. 12) (Oldenburg 1998), 7-28;
Hans-Velten Heuson, Eine Wölbtopfanlage in Büdingen-Großendorf. Büdinger Geschichtsblätter 7, 1974/75, 174-175;
Lutz Jansen, Hochmittelalterliche Ofenkacheln im nördlichen Rheinland. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 29, 2001, 171-206;
Eva Roth Heege, Hinterm Ofen ist es warm, In: Andreas Heege (Hg.), Einbeck im Mittelalter. Eine archäologisch-historische Spurensuche. Studien zur Eibecker Geschichte Bd. 17. (Oldenburg 2002), 211-225;
Hans-Georg Stephan, Kacheln aus dem Werraland. Die Entwicklung der Ofenkacheln vom 13. bis 17. Jahrhundert. (Schriften des Werratalvereins Witzenhausen, H. 23) (Witzenhausen 1991).

 
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