Die frühen Pilzkacheln mit glatter Oberfläche sind fast ausschließlich südlich des Juras verbreitet. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kommt die Form vor allem in Bern und Zürich vor, doch finden sich auch Belege für Pilzkacheln in Basel, Breisach, Konstanz, Rötteln und Saverne und Straßburg. Eine Pilzkachel aus Neuburg am Rhein datiert ins 15. Jahrhundert. Nördlich von Straßburg dünnt die Verbreitung merklich aus. Dies steht sicher im Zusammenhang mit dem zunehmenden Einfluß der Dieburger Werkstätten mit den Halbzylinderkacheln vom Typ Tannenberg.
Die Anfänge der Pilzkacheln lassen sich nach Jürg Tauber ins späte 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Die frühesten bekannten und datierbaren Belege für Pilzkacheln sind alle unglasiert und stammen von der Frohburg, Altbüron und Maschwanden. Altbüron und Maschwanden wurden beim Blutrachefeldzug von 1309 zerstört. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts dominierten glasierte Pilzkacheln. In der Frühzeit fehlt die Engobe unter der Glasur. Um 1350 ist die glasierte Pilzkachel in ihrer entwickelten Form häufig belegt. Pilzkacheln lassen sich bis gegen 1400 in erster Linie in der Nordschweiz mit Schwerpunkt Zürich nachweisen. Mit dem Aufkommen der flächendeckend die Ofenwandung besetzenden quadratischen Blatt-, Nischen- und Napfkacheln verschwand die Form zusehends. Ein sehr später Ausläufer ist eine Pilzkachel aus dem Werkstattbruch in Neuburg/Rhein aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Breisacher Pilzkachel kann in Anlehnung an die Zeitstellung der Berner und Züricher Pilzkacheln in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert werden.
Der Einbau von Pilzkacheln läßt sich durch ein Fresko aus dem »Haus zum langen Keller« am Rindermarkt in Zürich (vor 1308), auf den Webfresken im »Haus zur Kunkel« in Konstanz und auf der Züricher Wappenrolle (Anfang 14. Jahrhundert) belegen. Die Lehmwände solcher kuppel- oder bienenkorbförmigen Öfen waren mit Becher- und Pilzkacheln besetzt. Volkskundliche Belege weisen darauf hin, daß die Pilzkacheln in den oberen Teil des Ofens eingebaut waren. Sie ragten mit der kalottenförmigen Vorderseite aus der Lehmwandung hinaus. Eine röhrenförmige Zarge verankerte die Kachel im Ofen. Ihre Mündung war direkt dem Feuer ausgesetzt. Bei der Breisacher Pilzkachel handelt es sich um einen Einzelfund. Man kann jedoch aufgrund der Grundform und der Zeitstellung davon ausgehen, daß die Kachel zusammen mit Becherkacheln in einem Ofen eingebaut war.
* © Harald Rosmanitz, Partenstein 2010
Weiterführende Literatur:
Sune Ambrosiani, Zur Typologie der älteren Kacheln, Stockholm 1910, 48-49, Fig. 62-65;
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Rosemarie Franz, Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus, 2. verbesserte und vermehrte Auflage, Graz 1981, Abb. 21-24, 34-35;
Gullaume Huot-Marchand, La céramique de de poêle en Lorraine, au Moyen Age et au début de l´Epoque Moderne (Haroué 2006), 66f.;
Jean-Paul Minne, La céramique de poêle de l'Alsace médiévale, Strasbourg 1977, 115, Kat. Nr. 15;
Eva Roth Kaufmann, René Buschor u. Daniel Gutscher, Spätmittelalterliche reliefierte Ofenkeramik in Bern. Herstellung und Motive, Bern 1994, 35 [ausführliche Definition der Pilzkachel];
Hans-Georg Stephan, Kacheln aus dem Werraland. Die Entwicklung der Ofenkacheln vom 13. bis 17. Jahrhundert im unteren Werra-Raum (Schriften des Werratalvereins Witzenhausen 23), Witzenhausen 1991, 28-33;
Jürg Tauber, Herd und Ofen im Mittelalter. Untersuchungen zur Kulturgeschichte am archäologischen Material vornehmlich der Nordwestschweiz (9.-14. Jahrhundert) (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 7), Olten/Freiburg i. Br. 1980, bes. 15, 317, 321-322;
Peter Ziegler, Die Ofenkeramik der Burg Wädenswil, Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich 43/3, Zürich 1968, bes. 41-42, Kat. Nr. 1.