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Eine Pilzkachel aus Breisach a. Rhein*
     
 
 

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Pilzkachel aus Breisach a. Rhein

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Fragment einer Pilzkachel mit glatter Stirnseite und Randwulst, grün glasiert ; südlicher Oberrhein, zweite Hälfte 14. Jh.; Durchmesser 16,0 cm, Tiefe 11,0 cm

Breisach, Museum, Inv. Nr. 73/3576

 

Die Pilzkachel aus Breisach setzt sich aus einem konisch zur Vorderseite erweiterten Tubus und einer glatten, kalottenförmigen Vorderseite zusammen. Nur die Vorderseite ist grün glasiert. Beide Teile der Kachel werden durch einen ausladenden Randwulst voneinander abgesetzt.

Jürg Tauber charakterisiert den Kacheltyp folgendermaßen: Während bei den Topf-, Becher- und Napfkacheln die Trennwand zwischen dem Feuer und dem zu beheizenden Raum gegen das Ofeninnere gekehrt ist, wird dieses Prinzip bei der Pilzkachel aufgegeben. Der Abschluß weist nun gegen außen, wobei er oft halbkugelig gewölbt ist und als Buckel aus dem Ofenkörper ragt. Wie die restlichen, auf der schnell drehenden Töpferscheibe gefertigten Kacheln besteht die Pilzkachel aus einem einzigen, in einem Arbeitsgang gefertigten Stück. Für die Herstellungstechnik kommen zwei verschiedene Verfahren in Frage. Entweder begann man mit der Kalotte, die man in eine Formschüssel eindrehte, und führte dann den Tubus aus, oder man begann mit dem Tubus und drehte anschließend die Kalotte oben zu.

Grundsätzlich lassen sich zwei Varianten von Pilzkacheln unterscheiden. Die - wie das hier vorgestellte Beispiele aus Breisach - weist eine glatte Kalotte auf, die lediglich mit einer Glasur und in seltenen Fällen mit einem erhöhten Mittelknauf verziert ist. Die andere Gruppe. Das Dekor kann aus warzenartigen Nuppen, einem Menschenkopf oder aus einer Tierdarstellung bestehen. Als dritte Variante der Pilzkachel - wie die Pilzkachel aus dem Altbestand des Museums im Ritterhaus in Offenburg - ist die zusammengesetzte Pilzkachel. Sie besteht aus einem modelgepreßten, nur leicht gewölbtem Vorsatzblatt und einem angedrehten Tubus .

Die frühen Pilzkacheln mit glatter Oberfläche sind fast ausschließlich südlich des Juras verbreitet. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kommt die Form vor allem in Bern und Zürich vor, doch finden sich auch Belege für Pilzkacheln in Basel, Breisach, Konstanz, Rötteln und Saverne und Straßburg. Eine Pilzkachel aus Neuburg am Rhein datiert ins 15. Jahrhundert. Nördlich von Straßburg dünnt die Verbreitung merklich aus. Dies steht sicher im Zusammenhang mit dem zunehmenden Einfluß der Dieburger Werkstätten mit den Nischenkacheln vom Typ Tannenberg.

Die Anfänge der Pilzkacheln lassen sich nach Jürg Tauber ins späte 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Die frühesten bekannten und datierbaren Belege für Pilzkacheln sind alle unglasiert und stammen von der Frohburg, Altbüron und Maschwanden. Altbüron und Maschwanden wurden beim Blutrachefeldzug von 1309 zerstört. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts dominierten glasierte Pilzkacheln. In der Frühzeit fehlt die Engobe unter der Glasur. Um 1350 ist die glasierte Pilzkachel in ihrer entwickelten Form häufig belegt. Pilzkacheln lassen sich bis gegen 1400 in erster Linie in der Nordschweiz mit Schwerpunkt Zürich nachweisen. Mit dem Aufkommen der flächendeckend die Ofenwandung besetzenden quadratischen Blatt-, Nischen- und Napfkacheln verschwand die Form zusehends. Ein sehr später Ausläufer ist eine Pilzkachel aus dem Werkstattbruch in Neuburg/Rhein aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Breisacher Pilzkachel kann in Anlehnung an die Zeitstellung der Berner und Züricher Pilzkacheln in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert werden.

Im 13. und 14. Jahrhundert wurden die Kacheln analog zur Gefäßkeramik zum Großteil auf der schnell drehenden Töpferscheibe gefertigt und mit ihrer runden Mündung bzw. mit dem runden Boden nach außen weisend, in den Lehmkörper des Ofens eingesetzt. Bereits zu diesem Zeitpunkt war es damit möglich, mit Hilfe der Ofenkonstruktion ein Entweichen der Rauchgase in den Wohnraum zu verhindern. Die in regelmäßigen Abständen über den Ofenkörper verteilten Kacheln erfüllten die Aufgabe, die Ofenoberfläche zu vergrößern und damit die abgegebene Wärme besser zu nutzen. Zusätzlich besitzt die Keramik eine hohe Wärmespeicherfähigkeit, so daß die Raumheizung auch noch lange nach dem Verlöschen des Feuers Wärme abstrahlte.

Der Einbau von Pilzkacheln läßt sich durch ein Fresko aus dem »Haus zum langen Keller« am Rindermarkt in Zürich (vor 1308), auf den Webfresken im »Haus zur Kunkel« in Konstanz und auf der Züricher Wappenrolle (Anfang 14. Jahrhundert) belegen. Die Lehmwände solcher kuppel- oder bienenkorbförmigen Öfen waren mit Becher- und Pilzkacheln besetzt. Volkskundliche Belege weisen darauf hin, daß die Pilzkacheln in den oberen Teil des Ofens eingebaut waren. Sie ragten mit der kalottenförmigen Vorderseite aus der Lehmwandung hinaus. Der Tubus verankerte die Kachel im Ofen und war direkt dem Feuer ausgesetzt. Bei der Breisacher Pilzkachel handelt es sich um ein Einzelstück. Man kann jedoch aufgrund der Grundform und der Zeitstellung annehmen, daß die Kachel zusammen mit Becherkacheln in einem Ofen eingebaut war.

* Autor: Harald Rosmanitz, Lohr a. Main, 2. Fassung 2005

Weiterführende Literatur:

Sune Ambrosiani, Zur Typologie der älteren Kacheln, Stockholm 1910, 48-49, Fig. 62-65;
Thomas Bitterli u. Daniel Grütter, Alt-Wädenswil. Vom Freiherrenturm zur Ordensburg. Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 27, Basel 2001, bes. 68-72, bes. 71f;
Rosemarie Franz, Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus, 2. verbesserte und vermehrte Auflage, Graz 1981, Abb. 21-24, 34-35;
Jean-Paul Minne, La céramique de poêle de l'Alsace médiévale, Strasbourg 1977, 115, Kat. Nr. 15;
Eva Roth Kaufmann, René Buschor u. Daniel Gutscher, Spätmittelalterliche reliefierte Ofenkeramik in Bern. Herstellung und Motive, Bern 1994, 35 [ausführliche Definition der Pilzkachel];
Hans-Georg Stephan, Kacheln aus dem Werraland. Die Entwicklung der Ofenkacheln vom 13. bis 17. Jahrhundert im unteren Werra-Raum (Schriften des Werratalvereins Witzenhausen 23), Witzenhausen 1991, 28-33;
Jürg Tauber, Herd und Ofen im Mittelalter. Untersuchungen zur Kulturgeschichte am archäologischen Material vornehmlich der Nordwestschweiz (9.-14. Jahrhundert) (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 7), Olten/Freiburg i. Br. 1980, bes. 15, 317, 321-322;
Peter Ziegler, Die Ofenkeramik der Burg Wädenswil, Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich 43/3, Zürich 1968, bes. 41-42, Kat. Nr. 1.

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