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Fragmente einer Eckkachel mit dem Sündenfall, unglasiert, H. urspr. 49,0, Br. 11,0 cm, Ettlingen, 1698.
Ettlingen, Albgaumuseum
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Ein einfach getreppter Rahmen mit gerade abgestrichener Randleiste umschließt das übereck gestellte Zentralmotiv mit der Sündenfalldarstellung. Der Großteil des Hauptbildfeldes ist von zwei einander zugeneigten Ganzfiguren eingenommen. Sie stehen auf einem ansteigenden, mit Grasbüscheln belebtem Untergrund. In der Mitte wächst ein Apfelbaum mit ausladender Krone. Sein knorriger Stamm teilt das Bildfeld vertikal in gleich große Hälften. Vor dem Baumstamm stehen zwei unbekleidete Figuren. Der Mann auf der linken Bildhälfte betont in seiner Fußhaltung das Kontrapostmotiv. Er hat seinen linken Fuß durchgedrückt; sein rechtes Knie ist leicht angewinkelt. Der Wechsel von Stand- und Spielbein setzt sich bis zur erhobenen, linken Schulter fort. Weisen die Beine nach vorne auf den Betrachter, so sind die Schultern fast im Halbprofil zur Bildmitte gedreht. Die Geschraubtheit der Figur, das Kontrapostmotiv und die Überlängung der Gliedmaßen verdeutlichen augenscheinlich die Übernahme manieristischer Gestaltungsprinzipien. Sie sind bei der etwa gleichhohen Frau zu Linken des Manns spiegelbildlich übernommen. Die Körperdrehung setzt sich in dem nach innen geneigten Kopf fort, dessen Schräge auch im schulterlangen, welligen Haupthaar zu erkennen ist. Das bartlose Gesicht mit ebenmäßigen Zügen und straffer Haut charakterisiert die Figur als jungen Mann in der Blüte seiner Jahre. Die Gesichtszüge, das spitze Kinn, der kleine Mund und die schmale, gerade Nase ähneln dem Antlitz der Frau. Der Mann hat seine linke Hand um die Schulter der Frau gelegt und betont in Gestik und Körperhaltung die Verbundenheit mit seiner Gemahlin. Mit der Hand des rechten Arms greift er nach einem Apfel, den ihm seine Frau reicht. Wie im Körperbau, so gleichen auch die Gesten der Dame der Männerfigur. Sie hat ihren rechten Arm um die Schultern des Partners gelegt. Mit der Linken bietet sie ihm einen Apfel an, an dem noch ein blattbesetzter Zweig hängt. Der nach innen geneigte Kopf ist von langen, lockigen Haarsträhnen gerahmt. Sie fallen auf die Hüfte herab. Kürzere Locken reichen bis auf den Busen. Eine Strähne schließt als welliges Band die Figur nach rechts außen ab. Weitere Haarbüschel treten erst auf Hüfthöhe von hinten kommend in das Blickfeld des Betrachters. Sie weisen von dort fast horizontal in beide Richtungen nach außen und bedecken die Scham von Mann und Frau. Über den Köpfen ist in einfachen Rollwerkkartuschen die Inschrift SOL .I . IA angebracht. Die Inschriftentafeln stehen vor dem unbekleideten Oberkörper einer Frau, der einem Schlangenleib entwächst. Der unteransichtige Oberkörper des Zwitterwesens ist auf den Betrachter gerichtet. In beiden Händen hält die Figur einen Apfel. Mittelgescheiteltes, welliges Haar rahmt das Gesicht. Auf dem Haar sitzt eine Zackenkrone mit punktbuckelverziertem Kronreif. Die Figur in der Baumkrone blickt schräg nach unten auf Adam. Ihr Oberkörper lehnt sich über einen dicken Ast, der oberhalb von Adam diagonal nach außen weist. Darüber setzt sich der Frauenkörper in einem Schlangenleib mit schuppiger Oberfläche fort. Er umschlingt den diagonalen Ast und endet auf gleicher Höhe als wellige Struktur. Der Schlangenkörper ist weitgehend vom Blatt- und Fruchtbesatz der Baumkrone verdeckt. Er schließt als kleinteilige, homogene Fläche das Bildfeld nach oben ab. Die zahlreichen Früchte des Baums weisen mit dem Gehäuse nach außen. Das auf Seiten- und Frontalansicht gearbeitete Relief besitzt einen vergleichsweise schlichten Aufbau. So dominiert durch den Baumstamm und die gelängten Körper eine Vertikale, der im oberen Drittel lediglich die horizontalen Inschriftenkartuschen entgegengesetzt sind. Der Querbalken trennt die menschliche Ebene mit seiner fast intimen Vertrautheit von den Attributen des Baums und der Schlange, welche erst die eindeutige Ansprache als Sündenfalldarstellung erlauben.
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Umzeichnung der Eckkachel mit dem Sündenfall aus Karlsruhe-Dur lach, Saumarkt
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Auf einem Vergleichsstück, das vom Saumarkt in Karlsruhe-Durlach stammt, erkennt man, daß sich die Thematik des Hauptbildfeldes ursprünglich auf einem quadratischen Relief im Sockel der Kachel fortsetzte. Als Postamentrelief wählte man die Darstellung der Vertreibung der Stammeltern aus dem Paradies.
Der Sündenfall bildet als bedeutendes alttestamentarisches Thema einen wesentlichen Bestandteil der mittelalterlichen und neuzeitlichen Bildwelt. Das vorliegende Relief weicht nur unwesentlich von der spätgotischen Abbildungstradition des Sujet ab. Für die Darstellung wählte man den dramatischen Moment der Verführung Adams durch Eva. Noch hält Eva den Apfel in ihrer Hand. Nach theologischer Ansicht ist nicht die Verführung Evas durch die Schlange ein Vergehen. Schuld begeht Adam, der seinen Verstand der Sinnesverführung Evas unterordnet. Das Einverständnis zur Entscheidung Adams findet seinen Ausdruck in der Verbundenheit beider Figuren durch die Umfassungsgeste und die einander zugeneigten Köpfe. Trotz der offensichtlichen Übereinkunft beider Figuren weist die Inschrift über den Köpfen auf ein letzten Zögern Adams hin, indem er die Vertretbarkeit der Handlung bei seiner Frau mit SOL I (= Soll ich?) noch einmal ausdrücklich absichert, welche seinem Ansinnen mit IA (= Ja) Nachdruck verleiht. Als Vermittler zwischen dem Baum und Eva tritt die Schlange als Verkörperung der Verführung auf. Bereits an den Portalskulpturen der französischen Kathedralgotik erhält die Schlange in der Sündenfallszene einen Frauenkopf, stellenweise mit Krone. Oft entspricht ihre Physiognomie derjenigen von Eva.
In der Postamentzone wird das Motiv der Stammeltern in verkleinertem Maßstab wieder aufgegriffen. Die beiden Figuren werden von einer dritten Gestalt am rechten Bildrand nach links getrieben. Das Stammelternpaar ist bemüht, seine Blöße zu bedecken. Um die Scham liegt jeweils ein Lendentuch. Adam, der rechts hinter Eva steht, bedeckt mit seinem rechten Arm die Brüste seiner Frau. Diese hat beide Hände zum Klagegestus erhoben und rauft sich ihre Haare. Die nur schematisch gebildeten Köpfe blicken auf die Gestalt am rechten Bildrand: ein Skelett mit einem Kapuzenmantel, das eine große Sense hält. Hinter dem Sensenmann erkennt man einen mannshohen Zaun. Dem mit seinen Pfostenköpfen zur Bildmitte weisende Zaun entspricht in der oberen linken Ecke ein fliegender Putto. In seiner Rechten hält er einen gefiederten Pfeil, dessen Spitze auf die Buchstaben .O .W . weist.
Die Vertreibung aus dem Paradies erfolgt weder von Gott selbst, noch von einen Erzengel mit Flammenschwert, sondern von der Versinnbildlichung des Todes, der Hauptstrafe für den Sündenfall. Die Darstellung des Sensenmannes hat seine Wurzeln in spätgotischen Totentanzzyklen. Der von außen gesehene Zaun im rechten Bildhintergrund verdeutlicht, daß dem Menschengeschlecht von nun an der Zugang zum Paradies verwehrt bleibt. Die Vertreibung und Sterblichwerdung findet bei Adam und Eva seinen Ausdruck im Bewußtwerden der eigenen Blöße, sowie im Klage- und Reuegestus Evas. Das unterstreicht auch die Inschrift .O .W . (= Oh Weh) über den Köpfen der Stammeltern.
Die Darstellung des Sündenfalls reiht sich mit der Erschaffung Evas, der Bestrafung durch Gottvater und der Vertreibung aus dem Paradies in eine Gruppe des Stammelternlebens ein. Meistens sind die Szenen als vereinzelte Motive in den Ofenkörper eingebunden. Die Sündenfallthematik ist auf Werken der Kachelkunst durch das ganzfigurige, meist stehende Stammelternpaar wiedergegeben. Die Darstellung findet sich gleichermaßen auf spätgotischen Nischenkacheln, wie auf renaissancezeitlichen und frühbarocken Blattkacheln. Seit dem Manierismus gab man den Sündenfall vornehmlich als Beiwerk eines komplexen Bildprogramms an. Die Szene findet sich dann auf Kachelrahmungen oder, wie in vorliegendem Fall, als Eckkachel. Mit dem Aufkommen der eher volkstümlichen Bildersprache auf hochbarocken Keramikreliefs wurde das randlich schmückende Sündenfallmotiv durch reine Ornamentformen ersetzt.
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Rekonstruktion des keramischen Oberofens des Kombinationsofens mit der Weltreichserie aus Karlsruhe-Durlach, Saumarkt. Darin eingebunden sind auch Eckkacheln mit dem Sündenfall.
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Übereinstimmende Stücke aus weiteren Fundstellen in Bretten, in Ettlingen, von der Burg Hardenberg, aus Karlsruhe-Durlach sowie aus Rottenburg belegen die Beliebtheit der Eckkachel mit Sündenfallrelief am nördlichen Oberrhein und im angrenzenden Kraichgau. Das Stück aus Rottenburg bildet in dem umrissenen Verbreitungsgebiet eine randliche Erscheinung. Eckkacheln mit dem Sündenfallthema sind bislang nur aus dem kleinstädtischen Werkstattmilieu bekannt, eine Tatsache, die durch das Auftreten des Motivs in der Ettlinger Töpferei im Bereich der Alten Markthalle unterstrichen wird. Sie bilden eine kleinräumige Variante eines Themas, das auf Werken der Kachelkunst in zahlreichen Abwandlungen von Norddeutschland bis nach Südtirol verbreitet war. Das unübliche Einfügen einer Sockelzone mit der Sündenfallszene muß in erster Linie als Reflex auf die Vergesellschaftung der Kachel mit analog gebildeten Leisten- und Blattkacheln gesehen werden.
* © Harald Rosmanitz, überarbeitete und erwieteret Fassung, Partenstein 2008
Weiterführende Literatur:
Harald Rosmanitz, Der Kachelofen und seine Entwicklung bis ins 18. Jahrhundert. In: Dietrich Lutz u. Egon Schallmayer, 1200 Jahre Ettlingen - Archäologie einer Stadt. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg, H.4 (Weinsberg 1988) 87-92;
Harald Rosmanitz, Evangelisten, Tugenden und ein Kurfürst. Bildersprache und Formenvielfalt frühbarocker Ofenkacheln. In: Albrecht Bedal u. Isabella Fehle (Hgg.), HausGEschichten: Bauen und Wohnen im alten Hall und seiner Katharinenvorstadt. Kataloge des Hällisch-Fränkischen Museums Schwäbisch Hall, Bd. 8 (Sigmaringen 1994) 157-159;
Hans-Georg Stephan, Kacheln aus dem Werraland. Die Entwicklung der Ofenkacheln vom 13. bis 17. Jahrhundert im unteren Werra-Raum (Schriften des Werratalvereins Witzenhausen 23), Witzenhausen 1991, 62-63, Abb. 62-6;
Ingeborg Unger, Kölner Ofenkacheln. Die Bestände des Museums für Angewandte Kunst und des Kölnischen Stadtmuseums, Köln 1988; 57, Kat. Nr. 100.
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