Die Darstellung von Rittern beim Gestech bildet einen wichtigen Bestandteil des Motivschatzes spätgotischer Ofenkacheln [1]. Alle Darstellung tjostender Ritter entsprechen sich im Grundtypus. Die Angabe der Details beschränkt sich jeweils auf die für das Verständnis der Szene wichtigen Bildelemente. Beiwerk wie Hintergrund oder Zuschauer fehlen. Ofenkacheln mit Ritter beim Gestech können in zwei Grundtypen unterteilt werden. Neben dem Anrennen wird in Einzelfällen auch der Zusammenstoß beider Kontrahenten geschildert. Das letztgenannte Motiv, bei dem die gegnerische Lanzenspitze die Rüstung des Ritters berührt, findet sich bereits in der Mitte des 15. Jahrhunderts auf einer Kachel von der Burg von Buda [2] sowie auf einer renaissancezeitlichen Bekrönungskachel von der Burg Lauenstein [3], der eine Kupferstichfolge von Jost Amman zugrunde liegt. Da bei dieser Gruppe aufgrund der geringen Stückzahl keine dem Bildthema entsprechende Rahmenform festgestellt werden konnte, wurde die Motivwahl bei der Typisierung durch Jean-Paul Minne nicht als relevantes Unterscheidungsmerkmal in die Bearbeitung eingebracht [4].
Chronologisch lassen sich die Einzeldarstellungen von tjostenden Rittern in mehrere Gruppen untergliedern. Als Vorform entstanden bereits im 14. Jahrhundert frühe Blattkacheln [5], auf denen ein mit Schwert, gelegentlich auch mit einer nach oben gerichteten Lanze bewaffneter Reiter dargestellt ist. Bei der ältesten Gruppe mit der Darstellung eines Ritters beim Gestech wird das quadratische Bildfeld von einer einfachen Leiste umschlossen. Die Rekonstruktion eines Ofens im Schloß Buonconsiglio in Trient deutet an, daß vergleichbare Reliefs in alternierendem Wechsel mit schreitenden Löwen und heraldischen Motiven in einen zylindrischen Oberofen eingelassen waren [6]. Die einfache Darstellungsweise konnte mit einer eingeschriebenen, rechteckigen Zierleiste bereichert sein [7]. Am Oberrhein und in der Nordschweiz und auch in Unterfranken lassen sich zahlreiche Belege für Kacheln finden, auf denen der Reiter in ein mit losem Tauband belegtes, rundes Medaillon einbeschrieben ist [8]. Das Turnierthema fand in Form von durchbrochen gearbeiteten, mehrfarbig glasierten Vorsatzblättern auch auf hochrechteckigen Nischenkacheln Verwendung [9]. Die Anregungen für die Gestaltung dieser spätgotischen Nischenkacheln können möglicherweise von ähnlichen Nischenkacheln vom Typ Tannenberg stammen. Eine weitere Gruppe von Kacheln mit Rittern beim Gestech ist durch spätgotische Rahmenarchitektur charakterisiert [10]. Die detaillierte Wiedergabe des Stechzeugs auf dem Partensteiner Relief findet ihre nächsten Parallelen auf den oberrheinischen Blattkacheln mit rundem Medaillon mit losem Tauband.
Weisen die frühen Turnierreliefs noch auffallende Ähnlichkeiten mit der Manessischen Liederhandschrift auf, so zeigen die zahlreichen spätgotischen Ausbildungen des Motivs stilistisch eine große Nähe zu den Holzschnitten und Kupferstichen oberrheinischer Künstler im Umkreis von Martin Schongauer. Da der Themenkreis der tjostenden Ritter in den Kompendien für Druckgraphiken nur sporadisch aufgeführt wird, läßt sich bislang keine direkte graphische Vorlage nachweisen, nach der die Partensteiner Kachel geschaffen wurde.
Das Verbreitungsgebiet von Kacheln mit Rittern beim Gestech erstreckt sich von Dänemark bis Südtirol und vom Elsaß bis nach Ungarn. Ein Schwerpunkt bildet der südliche Oberrhein. Der Bildtypus konnte bisher ausschließlich in adeligen Wohnbereichen, auf Burgen und in Stadtpalästen, nachgewiesen werden. Das Partensteiner Relief fügt sich mühelos in dieses Schema ein. Motivgebend war der südliche Oberrhein, insbesondere die Zentren der spätgotischen Kunst in Basel, Colmar und Straßburg. Von dürfte ein entsprechendes Model seinen Weg in jene unterfränkische Hafnerei gefunden haben, die mit der Errichtung des Partensteiner Ofens mit Ritter beim Gestech beauftragt wurde.
Aufgrund der Rüstungsteile, insbesondere des Helms und der Schnabelschuhe, kann das Relief nicht vor 1450 geschaffen worden sein. Auch die Helmdecke legt aufgrund von Übereinstimmungen mit Kupferstichen aus der Schongauer-Werkstatt eine entsprechende Zeitstellung nahe.
Bei der ursprünglich quadratischen Kachel handelt es sich um ein Einzelstück. Es dürfte mit einem identischen, jedoch spiegelbildlichen Relief kombiniert worden sein. Neben den aufeinander zu stürmenden Reitern könnte die Ofenoberfläche mit Wappenkacheln besetzt gewesen sein. Von der Burg Bartenstein sind zeitgleiche Kacheln mit einer Rosette, mit einer zweiteiligen Verkündigungsszen sowie mit eine vierteilige Anbetung der Madonna durch die Heiligen Drei Könige bekannt. Eine mögliche Rekonstruktion des Ofenkörpers gelingt mit Hilfe des Kachelofens in der landesfürstlichen Burg in Meran. Es handelt sich um einen zweigeschossigen Ofen mit kubischem Unterbau und schmalem, vieleckigem Aufsatz, der nach oben mit Gesimskacheln mit wappenhaltenden Engeln abschließt.
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Das Turnier verkörperte als Ideal einer Reiterschlacht den ritterlichen Kampf in seiner höchsten Vollendung [11]. Wie sehr das Turnier geschätzt wurde, zeigt das am Ende des 15. Jahrhunderts entstandene Turnierbuch der Kraichgau-Ritterschaft . Beim Turnier ging es darum, mit der Lanze die gegnerische Tratsche zu treffen und dadurch den Kontrahenten vom Pferde zu werfen – ein höchst gefährliches Unterfangen also. Daß sich das Turnier im ausgehenden Mittelalter zum Sport der „oberen Zehntausend“ entwickelte, hing mit dem dafür benötigte Equipment zusammen. Ähnlich wie die Formel Eins heute machte die Mischung aus Prachtentfaltung, Highsociety und Nervenkitzel das Lanzenturnier, das Tjosten, populär – bis heute: neben der Burganlage verkörpert es unsere Vorstellung vom Mittelalter. Wegen ihrer Extravagazen und Gewalttätigkeiten wurden Turniere von Päpsten und Königen fortwährend verurteilt. Der Turniertod wurde von der Kirche offiziell als Selbstmord angesehen, was einer Todsünde gleichkam und grundsätzlich die grundlose Gefährdung von Familie und Gefolge bedeutete. Auch diese konnte jedoch auf Dauer keinen Einhalt gebieten oder die Anziehungskraft des Tjostens vermindern. Turnierdarstellungen finden sich nicht nur auf Werken der Malerei und des Kunsthandwerks. Ihre Übertragung auf keramisches oder metallenes Kinderspielzeug [12] verdeutlicht, daß das ritterliche Turnier in wesentlichem Maße nicht nur die Gedankenwelt sondern auch den Alltag des 15. Jahrhunderts beeinflußte
Die Ritterkachel erzählt uns, wie auch tausende andere, bislang von der Burg Bartenstein stammende Keramiken, Metall- und Knochenstücke, ja selbst Ziegelfragmente und Mörtelbrocken interessante Geschichten über den Alltag und den Lifestyle der Bewohner der Burg. Gleichzeitig helfen uns die freigelegten Mauern und Gruben, die Geschichte der Burg und der Kulturlandschaft Spessart besser zu begreifen. Noch steht die Erforschung der Burgen des Spessarts ganz am Anfang. Die Ausgrabungen auf der Ruine Bartenstein konnten jedoch schon jetzt einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Licht in dieses „dunkle“ Kapitel unserer Geschichte zu bringen. Ausgrabungen sind jedoch weniger ein Ersatz für Bodybuilding denn ein Geduldsspiel. Wie bei einer kriminalistischen Tatortuntersuchung geht es dabei darum, vor Ort möglichst viele Spuren zu sichern und zu dokumentieren. Das „Zusammensetzen“ der Fakten findet fern vom Ort des Geschehens statt.
Was auf den ersten Blick wie ein Sandkastenspiel für Erwachsene anmutet, gibt sich bei genauerem Hinsehen als komplexe Analyse zu erkennen, bei der ein Elektronenrastermikroskop genau so zum Einsatz kommt wie Hacke und Schaufel, bei der verstaubte Urkunden ebenso zu Rate gezogen werden wie die Hightech-Labors zur Untersuchung der Tierknochen und Pflanzenreste. Letztlich fügt sich das Ganze wie ein großes, lückenhaftes Mosaik zu einem Lebensbild unserer Vorfahren zusammen. Es werden mehr als Mauern und Scherben freigelegt. Zu Tage treten Freuden und Nöte unserer Ahnen; wir bekommen eine Vorstellung davon wie man, vor hunderten von Jahren den Alltag meisterte. Wir bringen in Erfahrung, wie man damals sein Lebensumfeld wahrnahm. Viel könnten wir dabei auch für uns lernen.
Man kann sich die Frage stellen, ob Grabungen dieser Art notwendig sind, haben sich doch gerade in Unterfranken zahlreiche Zeugnisse – Bauwerke, Gemälde, Dokumente - aus dem Mittelalter erhalten. Was aber hat die Jahrhunderte überdauert, wird in Museen und Archiven bewahrt: Sicher nicht der Alltag des „kleinen Mannes“. Wenn überhaupt, so blieben die Highlights erhalten, die Zeugnis ablegen von der Pracht der Kirchefürsten und Könige. Sie vermitteln ein verklärtes, klischeehaftes Bild, in dem wir uns selbst nur schwer wiederfinden. Nicht so bei den Grabungen auf der Burg Bartenstein. Hier stehen wir allen Burgbewohnern gegenüber. Hier können wir sowohl Einblick nehmen in den Alltag des Burgherren wie auch in den Tagesablauf der Bediensteten und Handwerker. Darin liegt die eigentliche Faszination dieses manchmal durchaus mühseligen Unterfangens.
* © Harald Rosmanitz, Lohr a. Main, 2004; überarbeitet und erweitert 2006
Anmerkungen:
[1] Aufgrund der Vielzahl des Materials kann nur ein repräsentativer Ausschnitt von südwestdeutschen und nordschweizer Ofenkacheln mit Darstellungen von Rittern beim Gestech vorgelegt werden.
[2] Lutz 1973, 38-40, Kat. Nr. 9; Voit/Holl 1963, Abb. 15.
[3] Strauss 1966, 142-152, bes. Taf. 80.1.
[4] Minne 1977, 244-253, Kat. Nr. 177-186.
[5] Franz 1981, Abb. 32; Keck 1993, 327, Kat. Nr. 8-9; Roth 1994, 62-63, Kat. Nr. 35-40; Tauber 1980, 326, Typentafel 17.2.
[6]Caporilli 1986, 58, Abb. 7. Der Trienter Ofenrekonstruktion mit rundem Oberofen und einem nur sporadisch mit Kacheln bedecktem Feuerkasten liegt in seiner Grundform ein Ofen in der um 1480 erbauten landesfürstlichen Burg von Meran zugrunde (Caporilli 1986, 57). Die Rekonstruktionen der Öfen der Burg von Buda sowie der Vergleich mit dem 1501 geschaffenen Ofen in der Goldenen Stube der Festung Hohensalzburg ob Salzburg sprechen jedoch dafür, daß die quadratischen Blattkacheln eher in einen rechteckigen Feuerkasten eingebaut waren, über den sich ein polygonaler, aus Nischenkacheln zusammengesetzter Oberofen erhob (Voit/Holl 1963, Abb. VII; Franz 1981, Fig. 15-18, Abb. 125-135).
[7] Pillin 1990, 72-73, Kat. Nr. 18.
[8] Nach Minne: Typ 2-4 (Lithberg 1932, Taf. 172. d-f; Ziegler 1968, Kat. Nr. 32-33; Minne 1977, 246-250, Kat. Nr. 178-182, Farbtaf. 2; Kat. Luzern 1986, Kat. Nr. 134-135; Kat. Güssing 1990, 236; Roth 1994, Kat. Nr. 75-76).
[9] Voit/Holl 1963, Abb. 15; Lutz 1973, 40, Kat. Nr. 9; Franz 1981, Abb. 96; Roth 1994, Kat. Nr. 373-374.
[10] Nach Minne: Typ 1 und 5 (Minne 1977, 245-247, Kat. Nr. 177; 251-253, Kat. Nr. 183-186).
[11] Die Geschichte des Ritterturniers wird sehr anschaulich dargestellt bei Schlunk/Giersch 1993, 66-73.
[12] Sabine Felgenhauer, Tönerne Spielzeugpferdchen des Mittelalters in Oberösterreich, in: Jahrbuch des Oberösterreichischen Museumsvereins 119 (1974) 39-42.
Weiterführende Literatur:
Thomas Bitterli u. Daniel Grütter, Alt-Wädenswil. Vom Freiherrenturm zur Ordensburg. Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 27, Basel 2001, 97-99;
Memmo Caporilli, L'Arte del Calore, Trient 1986;
Rosemarie Franz, Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus, 2. verbesserte und vermehrte Auflage, Graz 1981;
Stefan P. Holcík, Stredoveké kachliarstvo, Bratislava 1978, Abb. 30-31;
Gabriele Keck, Ein Kachelofen der Manesse-Zeit. Ofenkeramik aus der Gestelnburg/Wallis. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Bd. 50, 1993, 321-356;
A. B. Král, Unikátní nález "rytírskych" kamen ze 16. století, in: Jizni Morava 10 (1974) 53-60;
Nils Lithberg, Schloß Hallwil (Schweiz), Stockholm 1932, Taf. 172. d-f;
Dietrich Lutz, Ofenkacheln aus Heilbronn und Umgebung. (Heilbronner Museumshefte 3), Heilbronn 1973;
Pavel J. Michna, Funde der ungarisch-böhmisch-polischen Gruppe spätgotischer Kacheln in Mähren, in: Acta Archaeologica Carpathica 12 (1971) 249-259;
Jean-Paul Minne, La céramique de poêle de l'Alsace médiévale, Strasbourg 1977, 244-253, Kat. Nr. 177-186;
Hans-Martin Pillin, Kleinode der Gotik und Renaissance am Oberrhein. Die neuentdeckten Ofenkacheln der Burg Bosenstein aus den 13.-16. Jahrhundert, Kehl 1990;
Eva Roth Kaufmann, René Buschor u. Daniel Gutscher, Spätmittelalterliche reliefierte Ofenkeramik in Bern. Herstellung und Motive, Bern 1994;
Sophie Stelzle-Hüglin, Spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Ofenkacheln aus der Talvogtei. In: Frank T. Leusch, Hartmann Manfred Schärf, Sophie Stelzle-Hüglin u. Ilse Fingerlin, Die Kirchzartener Talvogtei, Lindenberg 2000, 103-121;
Konrad Strauss, Die Kachelkunst des 15. und 16. Jahrhunderts in Deutschland, Österreich und der Schweiz. I. Teil, Straßburg 1966;
Pál Voit u. Imre Holl, Alte Ungarische Ofenkacheln, Budapest 1963;
Judit Tamási, Verwandte Typen im schweizerischen und ungarischen Kachelfundmaterial in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Vergleichsuntersuchungen zu den Werkstattbeziehungen zwischen dem oberrheinischen Raum und Ungarn. (Müvészettörténet-Müemlékvédelem VIII), Budapest 1995, 57f., Abb. 143-158;
Jürg Tauber, Herd und Ofen im Mittelalter. Untersuchungen zur Kulturgeschichte am archäologischen Material vornehmlich der Nordwestschweiz (9.-14. Jahrhundert). Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 7, Olten/Freiburg i. Br. 1980;
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Allgemein zum Turnier:
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Lotte Kurrass, Turnierbuch aus der Kraichgauer Ritterschaft, Zürich 1983;
Elmar Mittler, Wilfried Werner (Hgg.), Codex Manesse. Katalog zur Ausstellung vom 12. Juni bis 4. September 1988 in der Universitätsbibliothek Heidelberg, Heidelberg 1988, 80-81;
Andreas Schlunk u. Robert Giersch, Die Ritter. Geschichte - Kultur - Alltagsleben, Stuttgart 2003.
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