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Die Serie der sieben Todsünden nach Hendrick Gotzius
 
 
 

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Die Serie
der sieben
Todsünden
nach Hendrick
Goltzius

 
 

 

Blattkachel aus der Serie der sieben Todsünden: Der Zorn (Ira) in einfacher Arkade mit schuppenbesetzter Bogenlaibung; unglasiert, Reste von Graphitierung; Oberrhein, Mitte 17. Jh.; H. 26,0 cm; Br. 17,0 cm

Bretten, Stadtmuseum, Inv.Nr. 88/836

 

Die Kachel hatte ursprünglich eine graphitierte Oberfläche. Stellenweise erkennt man noch einen schwarzen, glänzenden Auftrag, der ursprünglich die gesamte Bildoberfläche überzog. Er besteht aus Graphitstaub, vermengt mit Lehm, der auf die Kachel aufgebürstet wurde und ihr eine schwärzlich schimmernde Oberfläche verleiht. Als Grundierung benutzte man eine dünne Lehmschicht. Im Gegensatz zur dicken Glasur erkennt man auch nach der Graphitierung die Feinzeichnung des Binnenreliefs noch verhältnismäßig gut. Der für Südwestdeutschland typische Graphitauftrag diente in erster Linie zur Angleichung der Keramikoberfläche an die geschwärzten Platten eines Ofens mit eisernem Unterbau.

Das Kachelrelief zeigt in einer schlichten Arkade mit schuppenbesetzter Bogenlaibung, geflügeltem Puttenkopf im Bogenscheitel sowie weinrankenbesetzten Zwickeln eine nach rechts schreitende Gestalt. Über dem knöchelhohen Kleid trägt sie einen Brustpanzer mit betont ausgebildeten Brüsten. Weitere Rüstungsteile sind der drachengeschmückte Helm und ein Schild, der auf seiner Vorderseite anstelle eines Schildbuckels einen Kopf trägt. Satt der Haare ist das zu einer Fratze verzerrte Gesicht auf dem Schild von Schlangen gerahmt. Bei dem Schild handelt es sich um die Ägis, der für Jupiter geschaffene Schild mit dem versteinerten Haupt der Meduse. Es weist seine Trägerin als Göttin Minerva aus. Sie hält in ihrer Rechten ein gezogenes Schwert. Es zeigt mit seiner Spitze in Schrittrichtung und betont die Kampfentschlossenheit. Zu Füßen der Göttin erblickt man einen Bären. Die Sockelinschrift IRA ermöglicht die Ansprache der Darstellung als Verkörperung des Zorns.

Die Ziffer 4 auf Kopfhöhe betont die Zugehörigkeit der Darstellung zu einer Serie, in diesem Fall zur Serie der sieben Todsünden. Sie setzt sich aus den Verkörperungen von Völlerei [Unmäßigkeit], Wollust [Unkeuschheit], Habsucht [Geiz], Neid, Zorn, Trägheit und Stolz zusammen. Wie in der kirchlichen Kunst bildet die Serie der Todsünden ein Gegenstück zur Serie der Tugenden. Damit entspricht die Bilderfolge der ebenfalls aus dem Kirchlichen entlehnten und auf Kachelreliefs übernommenen Serie der klugen und törichten Jungfrauen.

Dem Zorn kann als positive Eigenschaft die Geduld gegenübergestellt werden. Das Tier zu Füßen der Göttin bezieht sich ausschließlich auf die hervorgehobene negative Eigenschaft der Frau. Die Gefährlichkeit des Bären ist besonders groß, wenn seine Jungen bedroht werden. Seine alttestamentarisch belegte Unberechenbarkeit macht ihn zu einer Verkörperung des Bösen. Zu dem Brettener Relief lassen sich mehrere Vergleichsstücke in Emmendingen, Esslingen, Freiburg i. Br., München, Schwäbisch Hall und Stuttgart anführen, die in unterschiedliche Rahmenarchitekturen eingestellt sind. Eine Ira-Kachel in Metz stimmt mit dem vorliegenden Stück auch im Rahmen überein. Die Darstellung der Allegorie des Zorns auf einer Kachel in Schwäbisch Gmünd zeigt ebenfalls die Göttin mit Bären, doch ist die Darstellung wesentlich bewegter gebildet. Hinzu kommt eine geschraubte Körperhaltung der Figur. Demnach muß es für das Bildthema mehrere Vorlagen gegeben haben, nach denen unterschiedlich gebildete Reliefs geschaffen wurden.

Der Zorn aus der Serie der sieben Todsünden. Kupferstich von Jacob Matham nach einer Vorlage von Hendrick Goltzius, um 1580

Die Ausbildung von Personifikationen zur Versinnbildlichung der Todsünden bzw. Laster kann zu Beginn des 14. Jahrhunderts mit den Predikt-Techniken der Bettelorden in einen direkten Zusammenhang gebracht werden. Bald schon fanden die Todsünden in Form von Frauen ihren Niederschlag auf bedeutenden Werken der bildenden Kunst wie in dem von Giotto geschaffenen Freskenzyklus der Arenakapelle zu Padua (1304-1313). Die zwischen 1337 und 1340 entstandenen Personifikationen der Todsünden von Lorenzetti im Palazzo Publico in Siena verstehen sich als Allegorien schlechter Charakterzüge und bilden den Archetyp der vorliegenden Darstellung. Die Mehrschichtigkeit der Bedeutung inspirierte am Ende des 16. Jahrhundert die Autoren von Emblembüchern. Dabei stellen uns die Künstler vor eine verwirrende Fülle von allegorischen Motiven und geben Spielraum für nahezu unbegrenzte Wandlungen und Varianten. Kupferstecher in Antwerpen und Haarlem wie Henrick Gotzius, Jacob Matham oder Crispin de Passe griffen diese Anregungen dankbar auf und schuf graphische Vorlage im Stile der Spätrenaissance.

Inzwischen konnte als Vorlage für die Kachelfolge eine um 1600 gefertigte Kupferstichfolge von Hendrick Goltzius identifiziert werden. In FurnArch sind inzwischen 17 Model und Kacheln aus der Serie erfasst, die nach den Vorlagen dieses flämischen Manieristen gearbeitet wurden. Die Serie war am Oberrhein, im östlich anschließenden Schwaben und in Hohenlohe verbreitet. Seine Nordgrenze ist zumindets nach derzeitigem Forschungsstand identisch mit der Nordgrenze des ehemligen Erzbistums Mainz.



* © Harald Rosmanitz, Partenstein 2005; überarbeitet und erweitert 2010

Weiterführende Literatur:

Leonhard Kern (1588-1662). Meisterwerke der Bildhauerei für die Kunstkammern Europas. Ausstellung im Hällisch-Fränkischen Museum vom 22. Oktober 1988 bis 15. Januar 1989 (Kataloge des Hällisch-Fränkischen Museums Schwäbisch Hall 2), Sigmaringen 1988, 114-115, Kat.Nr. 26c.

 

 
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