Vergleichsstücke aus Baden-Baden, Stuttgart, München, Nürnberg, Obernzell, Ravensburg und Ulm ermöglichen eine vollständige Rekonstruktion des Innenfeldes. Es zeigte eine nach rechts blickende, sitzende Frau, die sich mit ihrem linken Arm auf einen Globus stützt. Der rechte Arm weist nach oben. Neben ihr liegt ein Stechzirkel. Zu ihrer Linken steht auf einem Podest ein Putto. Er hält das erwähnte Astrolabium mit beiden Händen vor das Gesicht der Frau. Die Sockelzone des Podestes trägt die Jahreszahl 1599 und die Signatur VF [2].
Zwei Putten ein den Zwickeln halten in ihren Händen ein Muschelwerk, das über dem Bogescheitel zum Liegen kommt. Der hochrechteckige Rahmen besitzt einen auffallend hohen, mit einem Löwenkopf besetzten Sockel [3]. Er weist deutliche Bezüge zu den Rahmen der Serie mit den reitenden Kurfürsten auf, wobei dort die Zwickel mit Palmwedel und Lorbeerkranz haltenden Putten besetzt sind [4]. Kacheln aus der Serie der Sieben Freien Künste nach Pencz in diesem Rahmen sind für Eschelbronn, Freiburg i. Br., Schloss Hallwil (CH), Lörrach, München, Ravensburg, Schwäbisch Hall, Sinsheim und Stuttgart nachgewiesen. Eine Variante des Kachelrahmens mit den Muschelwerk haltenden Putten stammt aus Weißenburg im Elsaß. Dort verkürzte man die Kachel unter Weglassung der hohen Sockelzone erheblich und brachte das gesamte Kachelblatt in ein annähernd quadratisches Format.
Daneben gab es mindestes vier weitere Rahmenvarianten, die im Folgenden der vollständigkeit halber aufgeführt werden sollen [5] :
1) Quadratischer Kachelrahmen mit Arkade mit löwenkopfbesetzten Sockeln unter Pfeilern mit vorgesetzten, antik gekleideten Wächtern, jeweils unter einem Gesims, das mit einem geflügelten Puttenkopf besetzt ist. Über einem Architrav mit der Jahreszahl 1588 erkennt man in den Zwickeln zwei antithetische, stehende Löwen, deren Schwänze an einem Ring im Bogenscheitel befestigt sind. Kacheln dieser Art sind für Gerolzhofen [6], Burg Hardenberg, Hechingen, Heilbronn, München, Ravensburg, Rothenburg o. T., Stuttgart, Ulm nachgewiesen.
2) Quadratischer Kachelrahmen mit Arkade mit blütenbesetzten Sockeln, Pfeilern mit hochovalen, glatten Lisenen unter blütenbesetzten Gesimsen, einem Puttenkopf im Bogenscheitel sowie antithetischen, stehenden Löwen in den Zwickeln. Kacheln dieser Art sind für Stuttgart nachgewiesen.
3) Quadratischer Kachelrahmen mit Arkade mit punktbuckelbesetzter Sockelzone unter Pfeilern mit Lisenen mit leicht rautierter Oberfläche, darüber mit Löwenköpfen besetzte Gesimse, perlenbesetzter Bogenlaibung und akanthusblattbesetzter Archivolte sowie mit geflügekten Puttenköpfen in den Zwickeln Kacheln dieser Art sind für Stuttgart nachgewiesen.
4) Quadratischer Kachelrahmen mit Arkade mit Pfeilern mit vorgesetzten Doppelbalustern, einem glatten Wappenschild im Bogenscheitel, flankiert von zwei Greifen [7] in den Zwickeln. Kacheln dieser Art sind für Bretten, Baden-Baden, Baden-Baden Steinsfurt, Lörrach, München, Nürnberg und Straßburg nachgewiesen.
Als Vorlage für das Sinsheimer Innenfeldrelief diente eine Kupferstichfolge des Nürnberger Kleinmeisters Georg Pencz (um 1500 - 1550). Die Sockelzone unter dem stehenden Putto trägt sein Künstlermonogramm PG. Der Kupferstich weicht nur unwesentlich von der Umsetzung in das Relief ab. So handelt es sich bei dem astronomischen Messgerät um einen drittelkreisförmigen Sonnenquadranten zur Berechnung der Sonnen- und Planetenstunden. Der Zeigegestus erhält bei der graphischen Vorlage einen Sinn. Dort spielt sich die Szene in einem Innenraum ab. Ein Fenster hinter der Frau gibt den Blick auf einen Sternenhimmel frei, auf den sie mit ihrem angewinkelten Arm weist.
Die Astrologie gehört zu den Sieben Freien Künsten: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astrologie. Die mit der Astrologie vorgetragene Lehrmeinung von der Vorausbestimmbarkeit des menschlichen Schicksals beruht auf der Annahme eines inneren Zusammenhangs von Makrokosmos und Mikrokosmos. Unter Hinzuziehung neuster mathematischer Messinstrumente bemühte man sich in der Renaissance, die astrologische Rechenkunst zu verfeinern, um mit Hilfe der Konstellation der Gestirne möglichst präzise Vorhersagen treffen zu können.
Bereits Rosemarie Franz charakterisierte die Darstellung in der vorliegenden Form als "derb in der Modellierung" [8] und wies ihr einen volkstümlichen Charakter zu. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Vergleich mit einer Kölner und Speyerer Serie der sieben freien Künste nach Hans Sebald Beham [9]. Dazu trägt in besonderem Maße die reichhaltig dekorierte Rahmenarchitektur bei. So verliert das Innenfeld aufgrund der kleinteiligen Löwenmaske in der breiten Sockelzone einen Großteil seiner Ausdruckskraft.
* © Harald Rosmanitz, Lohr a. Main, 2006
Eine erste Bearbeitung der Serie erfolgte durch Susanne Mück (Susanne Mück, Frühneuzeitliche Ofenkachelmodel aus der Hafnerwerkstatt des Andreas Mauselin aus Ravensburg. Masch. Magisterarbeit (Tübingen 1990), bes. 14-17.
Anmerkungen:
[1] Kat. Braunschweig 1985, 593-594, Kat.Nr. 506.
[2] Franz 1981, Abb. 262; Ade-Rademacher/Mück 1989, 17, Abb. 5-6.
[3] Vollständige Model werden im München, Bayerisches Nationalmuseum und Stuttgart, Württembergisches Landesmuseum aufbewahrt.
[4] Rosmanitz 1994, 159-161.
[5] Die folgende Auflistung der Fundorte bzw. der Aufbewahrungsorte bezieht sich auf die Erafssung durch den Autor bis zum Januar 2006 und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
[6] Ramisch 1980, 136-137.
[7] Herbert Hagn konnte in seinen Ausführungen zu vergleichbaren Kacheln aus Rosenheim schlüssig darlegen, dass es sich bei den Zwickelfiguren tatsächlich um Greife handelt (Hagn1998, 455f.).
[8] Zit. Franz 1981, 89.
[9] Unger 1988, 122-128; Kat. Heidelberg 1992, 80-81.
Weiterführende Literatur:
Dorothee Ade-Rademacher, Susanne Mück, Mach Krueg, Haeffen, Kachel und Scherbe. Funde aus einer Ravensburger Hafnerwerkstatt vom 16. bis 19. Jahrhundert (Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 11), Stuttgart 1989, bes. 16-18;
Gertrud Benker u. Herbert Hagn, Historische Kacheln und Model vom Spätmittelalter bis zum Jugendstil. Die Sammlung der Staatlichen Fachschule für Keramik Landshut. Landshut 2002, 102-103, Kat. Nr. 173;
Willi Birkmaier u. Herbert Hagn, Hafnerhandwerk und Keramikfunde in Rosenheim. Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Stadt und des Landkreises Rosenheim 14, 454-456;
Rosemarie Franz, Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus (Forschungen und Berichte des Kunsthistorischen Institutes der Universität Graz 1), 2. Aufl., Graz 1981;
Hans Ramisch, Bodenfunde von Ofenkacheln des 16. und 17. Jahrhunderts aus Gerolzhofen, in: Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpfelge 34, 1980,127-158, bes. 136-137, 157-158;
Harald Rosmanitz, Kacheln aus dem Heimatmuseum Sinsheim. Überlegungen zur Bildersprache und Formenvielfalt reliefierter Ofenkeramik im Kraichgau. Kraichgaujahrbuch 13, 1993, 223-240;
Harald Rosmanitz, Evangelisten, Tugenden und ein Kurfürst. Bildersprache und Formenvielfalt frühbarocker Ofenkacheln. In: Albrecht Bedal u. Isabella Fehle (Hgg.), HausGEschichten: Bauen und Wohnen im alten Hall und seiner Katharinenvorstadt. (Kataloge des Hällisch-Fränkischen Museums Schwäbisch Hall, Bd. 8) (Sigmaringen 1994) 149-164;
Ingeborg Unger, Kölner Ofenkacheln. Die Bestände des Museums für Angewandte Kunst und des Kölnischen Stadtmuseums, Köln 1988.
Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland 1150 - 1650. Landesausstellung Niedersachsen 1985 im Braunschweigischen Landesmuseum vom 24. August bis 24. November 1985, Stuttgart 1985.
Vor dem großen Brand. Archäologie zu Füßen des Heidelberger Schlosses. Katalog zur Ausstellung 1992 im Kurpfälzischen Museum Heidelberg, Stuttgart 1992.
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