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Die Serie der sieben freien Künste nach Hans Sebald Beham aus Heidelberg
     
 
 

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Blattkacheln aus der Serie der sieben freien Künste nach Hans Sebald Beham aus Heidelberg

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Fragment einer Blattkachel mit der Allegorie der Musik aus der Serie der sieben freien Künste nach Sebald Beham in Arkade mit hornblasenden Putten; grün glasiert ; vermutlich Speyer, 2. Hälfte 16. Jh.

Karlsruhe, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, urspr. Heidelberg, Kornmarkt

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Am Beispiel der Kachel mit der Darstellung einer Orgelspielerin aus den Grabungen vom Kornmarkt in Heidelberg zeigt sich, daß die genaue Betrachtung des Einzelstückes durchaus weitreichende Aussagen über Alter, Herkunft und die Einbindung des Reliefs in die zeitgenössische Bild- und Geisteswelt ermöglicht.

Das Kachelfragment besteht aus weiß brennendem Ton, auf den eine grüne Glasur aufgetragen wurde. Das Bildfeld wird seitlich von zwei kannelierten Säulen mit korinthischen Kapitellen gerahmt. Über ihnen spannt sich ein mit Rankenwerk geschmückter Rundbogen. In den oberen Zwickeln sitzen hornblasende Putten. Im Zentrum der Darstellung steht eine ins Prfofil nach links gewendete weibliche Figur. Sie ist mit einer kurzen Tunika bekleidet. Im Haar trägt sie einen Lorbeerkranz. Die im Halbprofil wiedergegebene Frau scheint in das Spielen einer Tischorgel, eines Prospekts, vertieft zu sein. Das in Schrägansicht dargestellte Musikinstrument steht auf einem Podest. Darüber befindet sich die Tastatur und eine Reihe unterschiedlich hoher Orgelpfeifen.

Bei der Darstellung handelt es sich um die Verkörperung einer der sieben freien Künste: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie. Auf dem Heidelberger Stück wird die Musik wiedergegeben. Allegorien waren in der deutschen Renaissance im Sinne eines humanistischen Bildungsideals besonders beliebte Bildthemen. Dementsprechend zahl- und variantenreich sind auch die Vorlageblätter. Als direkte Vorlage der Kachel vom Kornmarkt diente die im Jahre 1539 geschaffene Kupferstichfolge von Hans Sebald Beham (1500-1550).

Allegorie der Musik. Kupferstich von Hans Sebald Beham. Nürnberg, 1539

 

Demnach trug die weibliche Figur auf ihrem Rücken Flügel, deren Ansätze sich auf dem Heidelberger Fragment nur noch erahnen lassen. Neben ihren Füßen lagen noch eine Laute und ein Köcher für eine Flöte. .

Die Heidelberger Kachel wurde aller Wahrscheinlichkeit nach im benachbarten Speyer angefertigt. Über die Rahmenform läßt sie sich mit Hilfe eines Modelfundes in der Großen Greiffengasse in Speyer eindeutig der dort ursprünglich ansässigen Werkstätte zuweisen. Von der gegen 1561 angefertigten Serie der sieben freien Künste haben sich in Speyer im Historischen Museum der Pfalz zwei Model erhalten. Der Vergleich mit dem Model für die Grammatik weist dabei deutliche Übereinstimmungen in der Formgebung der Figur und des Rahmens auf.

Ein weiterer Fund aus Heidelberg unterstreicht die Vermutung, daß das am Kornmarkt gefundene Kachelfragment aus dem aus dem benachbarten Speyer importiert wurde: Im Heidelberger Schloß befindet sich als Altbestand ein weiteres Fragment mit der Orgelspielerin. Im Gegensatz zu dem Stück vom Kornmarkt ist die Allegorie dort jedoch in eine Arkade einbeschrieben, deren Vorlage Hans Holbein dem Jüngeren zugewiesen werden kann [1]. Der alternative Rahmen ist ebenfalls mehrfach für die Renaissancetöpferei in Speyer belegt.

 


Erasmus von Rotterdam vor dem Terminus
Holzschnitt von Hans Holbein d. J., Basel, zwischen 1535 und 1543


Moderne Ausformung einer Blattkachel mit der Allegorie der Arithmetik, unglasiert
Speyer, Historisches Museum der Pfalz


Wie auch die Serie der Sieben Künste nach Georg Pencz so weisen die wahrscheinlich etwas älteren Kacheln nach Vorlagen von Sebald Beham mehrere Rahmenvarianten auf. Die am weitesten verbreitetet Variante ist der "Holbein-Rahmen". Er wurde einem zwischen 1535 und 1543 entstandenen Holzschnitt des Basler Künstlers Hans Holbein d. J. (1497/98-1543) nachempfunden. Er besteht aus einer streng achsensymmetrisch aufgebauten Arkade in einem hochrechteckigem Bildfeld. Dabei stützen zwei Doppelpfeiler einen abgetreppten Segmentbogen. Die vorgesetzten, etwas schmaleren Pfeiler sind jeweils in Form eines Hermenpfeilers gearbeitet. Man erkennt bärtige, ältere Männer mit verschränkten Armen, die auf ihren Köpfen früchtebesetzte Körbe tragen. Die Männer sind mit einem Schulter- beziehungsweise einem Hüfttuch bekleidet. Die sich nach unter verjüngenden Pfeiler unter den Halbbildern der älteren Männer weisen auf ihrer Vorderseite einen Besatz in Form einer Quaste auf, die zusätzlich mit Bändern geschmückt ist. Die kassettierte, mit Bukranien besetzte Bogenlaibung nimmt die zentralperspektivische Gestaltung der Pfeiler auf. Ihren äußeren Rahmen bildet eine eierstabbesetzte Archivolte, die lediglich im Bogenscheitel von einer in Rollwerk gefassten, grotesken Gesichtsmaske überlagert ist. Auf der Archivolte sitzen zwei geflügelte Puten. Die Zwickelfiguren halten früchtebesetzte Füllhörner in ihren Händen. Ofenkachel mit Serie der Sieben Künste nach Sebald Beham mit dem Holbeinrahmen sind für Aschaffenburg, Großostheim, Heidelberg, Offenburg und Speyer nachgewiesen. Aus archäologische Zusammenhängen stammende Model aus London [2], Offenburg, Speyer belegen die große Verbreitung von Modeln mit identischem Bildinhalts. Hinzu kommen Kachelfragmente aus in Dieburg, die in einen unmittelbaren Zusammenhang mit einer dort tätigen Töpferei stehen. Alles in allem lassen sich damit den bislang bekannten Produktionsorten Köln, London und Speyer zwei weitere, nämlich Offenburg und Dieburg, an die Seite stellen, wobei letzterer eine besondere Rolle bei der Belieferung des Rhein-Main-Raumes zukommt.

Der für die Kachel vom Kornmarkt in Heidelberg verwendete Rahmen ist etwas schlichter gehalten. Das Innenfeld ist dabei von zwei sich nach oben leicht verjüngenden Säulen flankiert. Die vergleichsweise massiv gearbeiteten, teilweise vom äußeren Kachelrand beschnittenen Stützen sind direkt über der Säulenbasis mit einem breiten, horizontalen Band belegt, das mit stark stilisiertem Rankenwerk besetzt ist. Kanneluren auf den Säulenschäften lenken von der eigentlichen Massivität der Stützen ab, die nach oben in korinthischen Kapitellen auslaufen. Zwischen den Säulen spannt sich ein mit einem schmalen Eierstabfries besetzter Segmentbogen, auf dessen Bogenlaibung das Motiv des stark stilisierten Rankenwerks wiederholt wird. In den Zwickeln stehen jeweils zwei einander zugewandte, hornblasende Putten. Im Gegensatz zu dem bis nach England verbreiteten Holbein-Rahmen ist diese Rahmenvariante bislang nur für Heidelberg und Speyer belegt.

Das Fragment einer Ofenkachel mit der Allegorie der Grammatik aus Straßburg weist als Rahmen schmale, kannelierte Sockel, auf denen ebenfalls kannelierte, schmale Säulen ruhen. Auch ein weiteres Fragment von Wasenbourg bei Colmar im Elsaß [3] erlaubt bislang keine Aussagen über das Komplette Aussehen diese dritten Variante des Kachelrahmens, der für die Serie der sieben freien Künste nach Sebald Beham in Gebrauch war. Der Nachweis dieser Rahmenform beschränkt sich auf die nähere Umgebung von Straßburg und Colmar. Damit liegt der Verdacht nahe, in diese Spielart eine elsässische Variante eines weit verbreiteten Kachelmotivs zu sehen.



* © Harald Rosmanitz, Lohr a. Main, 2006
Eine umfassende Bearbeitung der Serie erfolgte durch Ingeborg Unger (Unger 1988, 119-121).

Anmerkungen:

[1] Strauss 1983, 64-66; Unger 1988, 119-121.
[2] Gaimster 1988, 44-54.
[3] Minne 1977,322-324, Kat. Nr. 244-246.

Weiterführende Literatur:

Susanne Appuhn-Radtke u., Eva Kaiser, Keramik. In: Die Renaissance im deutschen Südwesten, Ausstellung des Bad. Landesmus. Karlsruhe im Heidelberger Schloß 1986, Bd. 2, 845ff.;
Rosemarie Franz, Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus, 2. verbesserte und vermehrte Auflage, Graz 198;
David Gaimster, A survey of Cologne-type stove-tiles found in Britain, in: Ingeborg Unger, Kölner Ofenkacheln. Die Bestände des Museums für Angewandte Kunst und des Kölnischen Stadtmuseums, Köln 1988, 44-54;
Jean-Paul Minne, La céramique de poêle de l'Alsace médiévale, Strasbourg 1977;
Konrad Strauss, Die Kachelkunst des 15. bis 17. Jahrhunderts in europäischen Ländern. III. Teil. München 1983;
Ingeborg Unger, Kölner Ofenkacheln. Die Bestände des Museums für Angewandte Kunst und des Kölnischen Stadtmuseums, Köln 1988, bes. 122-128.

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