Eine übereinstimmende Eckkacheln aus Freiburg im Breisgau und Schwäbisch Hall erlauben zusammen mit dem vorliegenden Fragment eine vollständige Beschreibung des Reliefs:
Ein einfach getreppter Rahmen mit gerade abgestrichener Randleiste umschließt das übereck gestellte Zentralmotiv. In seinem unteren Teil erkennt man einen frontal auf den Betrachter gerichteten, fast vollplastisch gebildeten Frauenkopf. Im gewellten Haar mit Mittelscheitel sitzt eine kleine Radhaube. Sie wirkt auf den ersten Blick ebenso unproportioniert wie die vom Kinn bis zu den beiden Ohren reichende Perlenkette mit ihren massiven Gliedern. Zwei vom Frauenkopf ausgehende Troddeln leiten über zu einem nach unten weisenden, geschweiften, akanthusblattbesetzten Blätterkelch, der zugleich das Postament für den Frauenkopf bildet. Ein sich nach oben leicht verbreiternder Pfeiler verweist auf einen darüber angebrachten, ebenfalls mit einer Radhaube bekrönten Kopf. Stilisierte Flügel, deren nach außen weisende Spitzen eingerollt sind, charakterisieren die Maske als geflügelten Puttenkopf, wie man ihn beispielsweise auch auf Gesimskacheln antreffen kann. Der an sich spannungs- und aussagearme Bereich zwischen beiden Masken ist mit Ornamenten geradezu überhäuft. So ziert eine verspieltes, blattbesetztes Stabwerk als Binnenrelief den leicht auskragenden Pfeiler. Das Ganze gipfelt in zwei flankierenden, scheinbar schwerelos von den Voluten der Flügelspitzen hängenden Fruchtgebinden, die mit Trauben, Granatäpfeln und melonenartigen Fürchten behängt sind.
Die bislang beschriebenen Versatzstücke leiten auf den sie alle überragenden Torso eines bärtigen Mannes. Sein zum Betrachter gerichteter Kopf scheint in eine im Scheitel zweigeteilte Radhaube mit eingerollten Enden geradezu eingespannt zu sein. Der armloser Oberkörper des Mannes gibt sich mit dem Waschbrettbauch und den zahlreichen, wohlproportionierten Muskelsträngen als der eines durchtrainierten Athleten zu erkennen. Genauer besehen erweist sich die Muskelpracht jedoch als Verzierung einer Lorica - als ein dem Körper vorgesetzter Lederkoller. Solche Loricae fanden in der römischen Kaiserzeit im römischen Heer Verwendung und wurden dort vom Centurio aufwärts bis zum Kaiser getragen. Der zweischalige Panzer, bestehend aus einer Brust- und aus einer Rückenplatte, hing an Schulterriemen, wie sie auch auf dem Kachelrelief deutlich zu Tage treten. Anstelle der aus Lorica herausragenden Arme hat der Künstler zwei nach außen weisende Löwenköpfe mit geöffneten Mäulern angebracht. Die Mähnen ihrer im Profil angegebenen Köpfe bestehen anstelle einer üppigen Haarpracht aus breitlappigen Akanthusblättern. Aus den Mäulern der Löwen hängen an Schnüren wohlgenährte Fische. Mit ihren wenig grazilen Körpern erinnern sie am ehesten an Karpfen.
Die Eckkachel überrascht durch ihre vollplastische, qualitative Ausformung, die in der Körpergestaltung der armlosen Herme, vor allem jedoch in der Modellierung des Brustpanzers ihren Ausdruck findet. Trotz der Höhenerstreckung konnte der Künstler dem Bildfeld durch eine gelungene, in sich verzahnte Komposition von drei etwa gleich großen Bildsegmenten ein wohlproportioniertes Gesamterscheinungsbild verleihen. Fließende Übergänge durch Festons, Ranken und Blattwerk sowie Überschneidungen fügen die Darstellung zu einer Einheit zusammen. Die klare, streng symmetrische Aufteilung steht in Konkurrenz zu einem an manchen Stellen geradezu unverständlichen Horror Vacui. Beides zusammen sind typische Elemente des Spätmanierismus transalpiner Prägung, wie er beispielsweise in Böhmen, aber auch in Wirtschaftszentren wir Frankfurt am Main typisch war.
Die Kachel gehört zur Gruppe der masken- und hermenbesetzten Kacheln, die innerhalb von Süddeutschland in zahlreichen verschiedenen Ausprägungen vertreten sind. Sie diente als dekoratives Element zur Gestaltung der Eckbereiche. Dabei kann kein ikonographisch aussagefähiges Bildprogramm erschlossen werden. Betrachtet man jedoch den Ofenkörper als ein in sich geschlossenes architektonisches Ganzes, so repräsentieren solche Hermen als figürliche Umbildung von Pfeilern die tragenden Elemente des Gesamtgefüges, auf denen das Abschlussgesims ruht. Dem zweigeteilten, überdimensionierten Muschelwerk hinter dem bärtigen Männerkopf kommt in diesem Kontext die Rolle eines Kapitells zu.
Vergleichbare Model und Kacheln aus Altdahn, Babenhausen, Freiburg i. Br., Burg Hardenberg, Heidelberg, Miltenberg und Schwäbisch Hall belegen die Verbreitung der Eckkacheln in Rheinhessen, dem Rhein-Main-Gebiet und entlang des Oberrhein. Die Ausformungen weisen dabei kaum Abweichungen in der Bildgestaltung auf. Lediglich eine ursprünglich graphitierte Eckkachel aus Büdingen weicht erheblich vom Schema ab. Dort wurde das Motiv der perlenkettetragenden Frau in der Sockel als Kopf der bekrönenden Herme wiederholt. So entstand - sicher unbewußt - der Torso eines Hermaphroditen. Die Gründe dieser Änderungen dürften im Herstellungsprozeß zu suchen sein. Wahrscheinlich war der Hafner gezwungen, mittels eines im oberen Bereich zerstörten Models Eckkacheln dieser Art zu fertigen. Solche Nachbesserungen waren beispielsweite notwendig, wenn beim Neusetzen eines alten Ofen sschadhafte Kacheln ausgetauscht werden mussten. Verfügte der Hafner dann nicht mehr über die Model, aus denen er ursprünglich die Kacheln für den Ofen gefertigt hatte, so war Krativität angesagt.
Eine weitere Abwandlung ist eine Eckkacheln mit Karyatidenpfeiler. Sie stammt aus dem Schloß von Meßkirch. Ähnlich wie bei zeitgleichen Kachelrahmen, bei denen die Säulen durch Tragefiguren ersetzt wurden, gibt es auch zur Eckkachel mit Hermenpfeiler ein weibliches Pendant. Das Relief aus Meßkirch stimmt bis auf den Torso im oberen Bilddrittel mit dem Hermenpfeiler überein. Anstelle des bärtigen Mannes in antiker Rüstung erkennt man eine unbekleidete, junge Frau mit unbekleidetem, schlankem Oberkörper und kleinen Brüsten. Sie trägt ein Stirndiadem.
Um den Hals hängt eine Kette, von der ein edelsteinbesetzter Schmuckanhänger auf den Busen herabhängt. Anstelle der Arme hat man auch in diesem Fall Löwenmasken mit aufgerissenen Mäulern angebracht, aus denen an einer Schnur jeweils ein karpfenähnlicher Fisch hängt.
Die Eckkachel, deren Höhenabmessungen einer großformatigen Blattkachel entspricht, war in den Ecken des Oberofens beziehungsweise des Feuerkasten eines zweiteiligen Kachelofens eingebaut. Da alle bislang erfassten Ausbildungen entweder einen Graphitauftrag oder eine dunkelbraune Glasur aufwiesen, spricht vieles dafür, dass solche Kacheln vornehmlich die Ecken keramischer Ofenaufsätze von Kombinationsöfen zierten, deren Feuerkasten aus gusseisernen Platten bestand.
Zahlreiche Bearbeiter stellten bei vergleichbaren Eckkacheln aufgrund ihrer Ornamentensprache frühbarocke Formeinflüsse fest und datierte die Kachel in die erster Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Gestaltung des Bustpanzers, die ungewöhnlich, wahrscheinlich der niederländischen Emblematik folgenden Einsatz karpfenartiger Fische sowie der insgesamt streng symmetrische Bildaufbau unterliegt hingegen eindeutig spätmanieristischen Traditionen. Auch die sensible Bildführung, wie sie beispielsweise in der sich dreifach nach oben hin vergrößernden Radhaube zum Tragen kommt, verweist zumindest die Vorlagen für die Eckkachel mit Hermenpfeiler in die letzten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts. Stilistisch steht die Kachel dem Umfeld des Frankfurter Vest-Werkstatt nahe.
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Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf eine vergleichbare Kachel, die sich heute in einem wiedererrichteten Ofen im Museum der Stadt Miltenberg befindet. Der Ofen wurde von dem Landshuter Modelleur und Ofenbauer Franz Paul Reithers (1828-1899) für die zwischen 1896 und 1905 erbaute Villa des Großindustriellen Heinrich von Liebig geschaffen. Der Ofen nimmt in Grundform und Motivwahl die Gestaltungselemente des Manierismus auf und bezieht sich in seiner Bildersprache in erster Linie auf Vorlagen des Nürnberger Kleinmeister Virgil Solis.
Wie Claudia Selheim bei ihren Ausführungen über den Miltenberger Ofen herausstellen konnte, fand Reithers bei seiner Suche nach Vorlagen in einem zwischen 1887 und 1888 von August Ortwein und August Scheffer in Leipzig herausgegebenen Vorlagenwerk zahlreiche Anregungen für seine Kacheln. Die erwähnte Eckkachel des Miltenberger Ofens wurde demnach detailgetreu nach einer Kachel gearbeitet, die man "im alten Töpferhause am Ulrichstein in Sachsenhausen" gefunden hatte. Dort arbeitete nach Otto Lauffer der Bossier und Formenschneider Johannes Vest, in dessen engerem Umfeld auch die Vorlagen Mainzer Eckkachel mit Hermenpfeiler seinen Ausgangspunkt genommen haben dürfte.
* © Harald Rosmanitz, Lohr a. Main, 2006
Weiterführende Literatur:
August Ortwein & August Scheffers, Deutsche Renaissance. Eine Sammlung von Gegenständen der Architektur, Decoration und Kunstgewerbe in Original-aufnahmen. 8 Bde. Leipzig 1871-1888;
Claudia Selheim, Ein Ofen aus dem Museum für das Museum. Die Geschichte eines Objekts, in: Wilhelm Otto Keller u. Bruno Schindler (Hgg.), Museum der Stadt Miltenberg. Beiträge zur Wiedereröffnung am 26. April 1996. Miltenberg 1996, 56-62.
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