Der bedeutendste Vertreter einer mit Kurfürsten geschmückten, keramischen Raumheizung ist der nach 1683 entstandene Ofen aus Schloss Wildshut an der Salzach. Er befindet sich heute im Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz [16]. Der zweiteilige Ofen, der nach Fritz Blümel zu den kostbarsten und prunkvollsten Erzeugnissen des Hafnerhandwerks zählt [17], ist mit einer leuchtenden Buntglasur bedeckt, bei der Blautöne vorherrschen. Die fürstlichen Reiterbildnisse in den Hauptfeldern der Ofenwand werden eingerahmt von barocken Dekorationselementen, wie Grotesken und schweren Fruchtgehängen. Das stark plastisch vortretende Ornamentwerk wirkt im Zusammenspiel mit der Mehrfarbigkeit verwirrend. Auf den acht Hauptfeldern erkennt man die Kurfürsten von Mainz, Köln, Bayern, Brandenburg, Sachsen und der Pfalz. Böhmen ist in Personalunion mit dem Habsburger Leopold I. vertreten. Eine Kachel zeigt den Auftraggeber des Ofens, den Grafen von Starenberg. Wie auf einer vergleichbaren Serie von Kachelmodeln aus Salzburg zeigt das Bildfeld im unteren Teil jeweils ein bekanntes Bauwerk am Regierungssitz des Fürsten [18]. So wird das Erzbistum Köln durch den Kölner Dom mit seinem charakteristischen Baukran anstelle der erst im 19. Jahrhundert fertiggestellten Doppeltürme repräsentiert.
Einen ähnlichen Aufbau zeigt auch ein Kachelmodel aus Villingen mit dem Kurfürsten von Trier [19]. Im Vergleich mit dem Ettlinger Stück fallen dabei erstaunliche Übereinstimmungen in der Gesamtkomposition, der Gestaltung der Pferde und der detaillierten Wiedergabe der Gewänder auf. Wahrscheinlich verfügte man in Villingen über eine qualitätvolle Ausführung jener Vorlage, die auch dem Hafner der Ettlinger Kachel zugrunde lag. Auf diese Vorlage können auch Kacheln der Stadt Worms zurückgeführt werden [20]. Auf ihren Bildfeldern wurde die Stadtansicht im Bildhintergrund durch eine Landschaftsdarstellung ersetzt.
Vergleichbare Kacheln konnten in der Ettlinger Innenstadt an drei Stellen nachgewiesen werden. Im Keller einer 1689 zerstörten Töpferei auf dem Gelände der Schloßgartenhalle lag als Einzelstück eine nicht graphitierte Kachel [21]. Man erkennt im Bildfeld die ganzfigurige Darstellung einer weiblichen Gestalt, die mit dem Habsburger Krönungsornat bekleidet ist. Von der seitlichen Beschriftung im Bildfeld haben sich nur noch die beiden letzten Buchstaben erhalten. Sie können aufgrund der Darstellung als (EURO)PA ergänzt werden. Damit verkörpert die Figur einen der vier bekannten Erdteile [22]. Die Tafel steht nur indirekt mit der Kurfürstenserie in Zusammenhang. Ihre Rahmenarchitektur weicht erheblich von dem Keramikrelief aus der Entengasse/Kirchgasse ab. Sie wird noch deutlich von renaissancezeitlichen Gliederungselementen bestimmt. Insgesamt wirkt die Komposition aufgrund des gedrückten Bildfeldes und der überladenen Rahmung im Vergleich mit der Darstellung des Mainzer Erzbischofs verhältnismäßig unproportioniert.
Wesentlich engere Bezüge lassen sich zu den Resten eines Ofens herstellen, die im Jahre 1988 bei Sanierungsarbeiten in der Hirschgasse sichergestellt werden konnten [23]. Die Raumheizung war nach ihrer Abtragung noch vor 1700 in die Aufschüttung über einem Kellergewölbe gelangt. Die geborgenen Fragmente geben zumindest ansatzweise eine Vorstellung vom Aussehen des Ofens, in dem die Kacheln mit dem Mainzer Erzbischof in ihrer Erstverwendung eingebaut war. Die großformatigen Reiterkacheln saßen in einem zweiteiligen Ofen, dessen Unterteil aus gußeisernen Ofenplatten und dessen Aufbau aus keramischen Ofenkacheln bestand. Seine Oberfläche war durchgehend mit Graphit bestrichen. Die Reiterreliefs waren umschlossen von erheblich kleineren Kacheln mit ähnlichem Motiv. Der keramische Aufsatz des Oberofens wurde von einem Fries akanthusblattbesetzter Gesimskacheln nach oben und unten eingefaßt. In den Ecken saßen Halbsäulen. Die Kacheln aus der Hirschgasse zeigen wahrscheinlich den Landesherren, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden. Die gelungene Ausführung des Bildfeldes zeigt den Markgrafen in zeitgenössischer Tracht als reitenden Feldherren. Die umgebende Rahmenarchitektur entspricht bis auf wenige Details der Kurfürstenkachel. So findet sich im Bogenscheitel der rahmenden Arkade anstelle einer Maske ein leeres Wappenschild, das von einem zackenbesetzten Kronreif überragt wird. Die gedrehten Säulen wurden durch Hermen ersetzt.
Drei Fragmente aus der Dekaneigasse runden das Spektrum der Ettlinger Vergleichsstücke ab [24]. Die erhaltenen Teile stimmen mit den entsprechenden Partien der Kachel mit dem Mainzer Erzbischof überein. Da die Rahmung bisher nur in Ettlingen nachgewiesen werden konnte, liegt die Vermutung nahe, daß die vorgestellten Stücke in Ettlingen angefertigt wurden. Dies wird untermauert durch den Nachweis von mindestens zwei Kacheln produzierenden Töpfereien aus dem 17. Jahrhundert im Stadtgebiet.
Mit Ausnahme des Brettener Models war keines der beschriebenen Vergleichsstücke datiert, doch sprechen die Befundzusammenhänge und die Verwendung von hochbarocken Zierelementen in der Rahmenarchitektur dafür, daß alle vorgestellten Stücke zwischen den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts und in der Wende zum 18. Jahrhundert angefertigt wurden. Dabei konnte durchaus noch renaissancezeitliches Formengut mitverwendet werden. |
Mit der Kurfürstenkachel aus der Entengasse/Kirchgasse konnten schlaglichtartig Lebens- und Denkgewohnheiten einer Zeit aus der Ettlinger Stadtgeschichte beleuchtet werden, die durch den verheerenden Stadtbrand von 1689 um wesentliches Quellenmaterial beraubt wurde. Erst im Zusammenspiel von Archäologie und Kunstgeschichte, bei dem sich beide Sparten als gebende Wissenschaften erweisen, können dem keramischen Relief Aussagen zur Wohn-, Mode-, Technik-, Sozial-, Geistes- und Wirtschaftsgeschichte entlockt werden, die durchaus einer näheren Betrachtung würdig sind.
Durch die Ergänzungen gewann die Kurfürstenkachel ihre vollständige Aussagekraft zurück, die vom heutigen Betrachter allerdings nur mit Mühe erschlossen werden kann. Auch weitere Kacheln aus den Beständen des Albgaumuseums wurden und werden durch Abformungen von vergleichbaren Stücken ergänzt. Die neuen Zutaten bleiben dabei deutlich als solche erkennbar, da auch künftigen Generationen die Originalität des Stückes und ihre Zerstörungsspuren als ein Stück Geschichte vor Augen geführt werden muss.
Anmerkungen:
[1] Le Maire 1991, 5-13.
[2] Schallmayer 1981, 153-159.
[3] Die Neurestaurierung des Stückes wurde von Frau Waltraud Frey, Karlsruhe-Aue, vorgenommen. Ihr verdankt der Autor wichtige Hinweise zur Herstellungstechnik.
[4] Karlsruhe, Landesdenkmalamt, Inv. Nr. Ettl. 79/311, PI.A FN. 7,16.
[5] Vergleichsfunde aus dem Saumarkt in Karlsruhe-Durlach zeigen, daß man dabei auch den zwischen den Keramikplatten befindlichen Ofenlehm mit Graphit überstrich.
[6] Mielke 1976/77, 150-157.
[7] Heller-Karneth/Rosmanitz 1990, 15-17.
[8] Becherkacheln fanden sich in Ettlingen vornehmlich in staufischen Fundschichten (Lutz/Schallmayer 1988, Abb.45). Sie können als Vertreter der ältesten Kachelform angesprochen werden
(Tauber 1980, 292-305; Katalog Straßburg 1985, ohne Seite; Groß 1991, 140-143).
[9] Bretten, Stadtmuseum, Inv.Nr. 88/832, 1. Herr Dr. Wolf-Dieter Albert ermöglichte die zeitweilige Überlassung des Originals zur Neurestaurierung der Ettlinger Kachel.
[10] Hoffmann 1982; Lexikon des Mittelalters, Bd.5, Sp.1581-1583.
[11] Berlin, Kupferstichkabinett, ohne Inv.Nr.
[12] Speyer, Historisches Museum der Pfalz, Inv.Nr. HM (A) 56 v (Strauss 1983, 64, 133, Taf. 129.2.;
Kat. Heidelberg 1986, Bd.2, 873, Kat.Nr. S32).
[13] Alzey, Museum, Inv.Nr. 2808 (Heller-Karneth/Rosmanitz 1990, 22, Abb.4a).
[14] Haedeke 1976, 161-166, Kat.Nr. 241-251; Rückert 1982, 106, Kat.Nr. 195.
[15] Alzey, Museum, Inv.Nr. 121-126, 2800, 2826, 2863, 2865. Bei den Stücken handelt es sich um
Nachbildungen verloren gegangener barocker Originale, die am Ende des 19. Jahrhunderts angefertigt wurden (Strauss 1983, 64-65, 131, Taf. 144; Heller-Karneth/Rosmanitz 1990, 30-32, Abb. 10).
[16] Linz, Oberösterreichisches Landesmuseum (Schloßmuseum), Inv.Nr. K 738.
[17] Blümel 1965, 93, Abb. 250.
[18] Salzburg, Sammlung Langthaler, ohne Inv.Nr. (Franz 1981, 184, Abb.665-668; Svoboda 1981, Kat.Nr. 173-179).
[19] Villingen, Museum altes Rathaus, Inv.Nr. Mb 13 (Katalog Villingen 1978, 91).
[20] Worms, Museum der Stadt, ohne Inv.Nr. (Strauss 1983, 62, 113, Taf. 115.4).
[21] Ettlingen, Albgaumuseum, ohne Inv.Nr. (Lutz/Schallmayer 1980, 88, Abb. 46).
[22] Svoboda 1981, Abb. 124-126.
[23] Ettlingen, Albgaumuseum, ohne Inv.Nr.
[24] Ettlingen, Privatbesitz. Die Fragmente wurden bei Kanalisationsarbeiten in der Dekaneigasse aus dem Aushub geborgen.
Weiterführende Literatur:
Fritz Blümel, Deutsche Öfen. Der Kunstofen von 1480 bis 1910. Kachel- und Eisenöfen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, München 1965;
Rosemarie Franz, Der Kachelofen. Entstehung und kunstgeschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis zum Ausgang des Klassizismus (Forschungen und Berichte des Kunsthistorischen Institutes der Universität Graz 1), 2. Aufl., Graz 1981;
Uwe Groß , Mittelalterliche Keramik zwischen Neckarmündung und Schwäbischer Alb. Bemerkungen zur räumlichen Entwicklung und zeitlichen Gliederung, Stuttgart 1991;
Hanns-Ulrich Haedecke, Zinn (Gewerbemuseum der Stadt Köln 3), 2. Aufl., Köln 1976;
Eva Heller-Karneth, Harald Rosmanitz, Alzeyer Kachelkunst der Renaissance und des Barock, Alzey 1990;
R. Hoffmann, Die bildlichen Darstellungen des Kurfürstenkollegiums von den Anfängen bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches, o.O. 1982;
Dorothée Le Maire, 15. August 1689: Die Zerstörung Ettlingens, in: Ettlinger Hefte 25 (1991) 5-13;
Dietrich Lutz, Egon Schallmayer, 1200 Jahre Ettlingen. Archäologie einer Stadt. Begleitheft zur Ausstellung (Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 4), Weinsberg 1988;
Heinz-Peter Mielke, Zur Typologie und Datierung gotischer Nischenkacheln mit dem Mainzer Rad, in: Mainzer Zeitschrift 71/72 (1976/77) 150-157;
Rainer Rückert, Die Glassammlung des Bayerischen Nationalmuseums München (Kataloge des Bayerischen Nationalmuseums 17), 2 Bde., München 1982;
Egon Schallmayer, Römische Siedlung und Badegebäude in der Altstadt von Ettlingen, Landkreis Karlsruhe, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1981, 153-159;
Konrad Strauss, Die Kachelkunst des 15. bis 17. Jahrhunderts in europäischen Ländern. Teil III, München 1983;
Christa Svoboda, Alt-Salzburger Hafnerkunst. Model und Kacheln des 16. bis 18. Jahrhunderts aus der Strobl-Werkstatt, Salzburg 1981;
Jürg Tauber, Herd und Ofen im Mittelalter. Untersuchungen zur Kulturgeschichte am archäologischen Material vornehmlich der Nordwestschweiz (9.-14. Jahrhundert), Olten/Freiburg 1980.
Die Renaissance im deutschen Südwesten zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg. Eine Ausstellung des Landes Baden-Württemberg im Heidelberger Schloß vom 21. Juni bis 19. Oktober 1986, 2 Bde., Karlsruhe 1986;
La poterie de poêle de la France de l'Est (Cahier du Groupe d'Archéologie Médiévale d'Alsace 3), Strasbourg 1985;
Hafnerkunst in Villingen. Bestandskatalog I des Museums Altes Rathaus Villingen, Abt. Kunsthandwerk, Villingen 1978.
* © Harald Rosmanitz, Partenstein 2010
Stark überarbeitet Fassung des Aufsatzes Eine neurestaurierte Kurfürstenkachel aus Ettlingen. Funktion und Bildsprache eines barocken Tonreliefs. Ettlinger Heften 26, 1992, 5-13. |