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Die Ofenkacheln vom Kornmarkt in Heidelberg
 
 
 
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Die Anlage von Raumheizungen läßt sich im Bereich des Kornmarktes nur mit den Resten von Kachelöfen erschließen. Dazu mögliche Alternativen wie Feuerstellen, Herde oder Kamine konnten im Befund nicht nachgewiesen werden. Die erhaltenen Bruchstücke belegen jedoch die durchgehende Nutzung von Kachelöfen seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert bis an das Ende des 18. Jahrhunderts.

Reste einfacher Ofenkacheln finden sich bereits in den ältesten erfaßten Siedlungshorizonten des Kornmarktes. Das Auftreten von Kacheln des Typus Tannenberg aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert ist insofern bemerkenswert, da sie bislang fast ausschließlich in adeligem bzw. kirchlichem Milieu nachgewiesen werden konnten[1]. Die Kacheln des Kornmarktes lassen sich in mehrere Gruppen unterteilen. Die ältesten Kacheln, die Becher- und Napfkacheln, wurden, in Entsprechung zu zeitgleicher Keramik, auf der schnell drehenden Töpferscheibe hergestellt. Die Napfkachel unterscheidet sich von ihrem Vorgänger durch ihren quadratisch ausgezogenen Rand. Mit der Aufwertung des Hausrates wurde auch der gotische Ofen in die allgemein wachsende Schmuckfreude einbezogen. Als idealer Bildträger entstand in der Mitte des 14. Jahrhunderts die Nischen- und Blattkachel. Die hochrechteckige Nischenkachel besteht aus einem auf der Töpferscheibe geformten Halbzylinder aus Ton. An seiner Vorderseite brachte man ein modelgepreßtes, durchbrochenes Vorsatzblatt an. In Ausnahmefällen verzierte man auch die Innenseite des Halbzylinders mit einem Relief. Aus einer Latrine konnte ein vollständig erhaltenes Stück dieser Art geborgen werden. Die Öfen bestanden aus einem mit Blattkacheln belegten Feuerkasten und einem großen Oberbau aus Nischenkacheln. Nach oben schloß ein umlaufender Ring von spitz ausgezogenen Bekrönungskacheln die gesamte Konstruktion ab. Man darf in Anlehnung an die rekonstruierten Öfen auf der Burg von Buda davon ausgehen, daß der Ofenkörper in abwechselnder Folge aus gelb und grün glasierten Kacheln zusammengesetzt war. Das Fundmaterial des Kornmarktes zeigt, daß auch in Heidelberg gegen 1500 die Nischenkachel fast vollständig von der Blattkachel verdrängt wurde [2]. Sie besitzt ein geschlossenes Vorsatzblatt. Unter Hinzunahme neuer Kachelformen, wie Gesimsen, Friesen, schmalen Leistenkacheln und Bekrönungskacheln gestaltete man den Ofen der Renaissance als selbständiges architektonisches Gebilde. Die Möglichkeit, unterschiedliche Formate innerhalb eines Ofens anbringen zu können, führte zur Entwicklung von großformatigen Blattkacheln mit aufwendigen Bildprogrammen.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzte sich der gußeiserne Ofen als Raumheizung durch. Aus Gewichts- und Kostengründen wurden die meisten Plattenöfen mit einem keramischen Oberbau versehen, den man entweder braun glasiert oder mit einem Graphittonauftrag versah.

Von leichten Abwandlungen abgesehen bildete das kurpfälzische Wappen mit dem stehenden Löwen und dem rautierten Wappenschild seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert bis zu der in das Jahr 1586 datierten großen Blattkachel den Hauptbestandteil des angewandten Motivschatzes. Die weithin gebräuchlichen religiösen Darstellungen fehlen vollständig. Die Wappenkacheln werden ergänzt durch eine auf das Jahr 1537 datierte Kachel mit der Halbfigur des Kurfürsten Ludwig V. (1508-1544). Die Gestaltung des Gesichtes spiegelt das Bemühen des Künstlers um eine portraithafte Darstellung des Herrschers. Der Kurfürst hält als Zeichen seiner Würde den Reichsapfel und das Reichsschwert in seinen Händen. Ein Schriftband über dem Wappen mit der Inschrift OH PG bezieht sich auf den Pfalzgrafen Ottheinrich (1556-1559). Dasselbe Wappen findet sich als halbplastisch hervortretendes Relief auch auf einer schwarzbraun glasierten Kachel. Eine auf das Jahr 1586 datierte Umschrift über dem Wappen nennt den HERTZOG FRI(D)ERICH (PF)AL(TZ) GRAF, Friedrich IV. (1583-1610), unter dessen Herrschaft die Kachel entstand.

Sonderstücke

In der gleichen Zeit schuf man sogenannte Tapetenöfen. Die Oberfläche der Einzelkachel wurde dabei durch randlose, immer wiederkehrende geometrische und pflanzliche Motive gestaltet. Versetzt über- und nebeneinander angeordnet ergab sich eine endlose Ornamentfolge, deren Motivschatz der Stoff- oder Ledertapete angeglichen war. Die meisten Tapetenöfen hatten eine rechteckige Grundform. Auf dem Kornmarkt fanden sich jedoch auch konkav gewölbte Kacheln mit Granatapfelmuster, die sich zu einem zylindrischen Oberofen zusammensetzten lassen.

Bemerkenswert sind die Reste eines farbig glasierten Ofens. Leider wurde er bei einer Brandkatastrophe durch starke Hitzeeinwirkung weitgehend vernichtet. Dennoch kann zumindest der Ofenoberbau mit Hilfe einer vollständig erhaltenen Eckkachel mit Vasendekor, sowie durch die Reste einer großformatigen Blattkachel rekonstruiert werden. Die Wahl der Glasurfarben sowie die feine detaillierte Ausführung von Einzelformen sprechen für die Zuweisung zu einer Kölner Werkstätte des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Von dem gleichen Ofen stammt ein keramischer Ofenfuß. Er besteht aus einem Flußgeschiebestein, auf den ein Keramikrelief aufgebracht wurde. Ein Gegenstück dazu befindet sich im Historischen Museum der Pfalz in Speyer [3].

Die Herkunft der Kacheln

Die meisten Ofenkacheln aus dem Kornmarkt dürften vor Ort hergestellt worden sein. Zeitgenössische Schriftquellen belegen zwar keine Werkstätten, wohl aber die Rolle Heidelbergs als wichtigen Umschlagplatz für Ofenkeramik. So schickte man im Jahre 1475 einen Erbacher Hafner zum Ankauf geeigneter Kacheln für das Erbacher Schloß eigens nach Heidelberg. Reste eines farbig glasierten Ofens, sowie eine Kachel mit einer Orgelspielerin können bedeutenden Werkstätten in Köln und Speyer zugewiesen werden.

Die Kachel mit der Orgelspielerin

Am Beispiel der Kachel mit der Darstellung einer Orgelspielerin zeigt sich, daß die genaue Betrachtung des Einzelstückes durchaus weitreichende Aussagen über Alter, Herkunft und die Einbindung des Keramikreliefs in die zeitgleiche Bild- und Geisteswelt ermöglicht. Das Kachelfragment besteht aus weiß brennendem Ton, auf den eine hellgrüne Glasur aufgetragen wurde. Das Bildfeld wird seitlich von zwei kannelierten Säulen mit korinthischen Kapitellen gerahmt. Über ihnen spannt sich ein mit Rankenwerk geschmückter Rundbogen. In den oberen Zwickeln sitzen posauneblasende Putten. Im Zentrum der Darstellung steht eine nach links gewandte weibliche Figur. Sie ist mit einer kurzen Tunika bekleidet. Im Haar trägt sie einen Lorbeerkranz. Die im Halbprofil wiedergegebene Frau scheint in das Spielen einer Tischorgel vertieft zu sein. Das in Schrägansicht dargestellte Musikinstrument steht auf einem Podest. Darüber befindet sich die Tastatur und eine Reihe verschieden großer Orgelpfeifen. Bei der Darstellung handelt es sich um die Verkörperung einer der sieben freien Künste: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie. Auf dem Heidelberger Stück wird die Musik wiedergegeben. Allegorien waren in der deutschen Renaissance im Sinne eines humanistischen Bildungsideals besonders beliebte Bildthemen. Dementsprechend zahl- und variantenreich sind auch die Vorlageblätter. Als direkte Vorlage der Kachel vom Kornmarkt diente die im Jahre 1539 geschaffene Kupferstichfolge von Hans Sebald Beham (1500-1550). Demnach trug die weibliche Figur auf ihrem Rücken Flügel, deren Ansatz sich nur noch erahnen lassen. Neben ihren Füßen lagen eine Laute und ein Köcher für eine Flöte. Eine farbig glasierte Kachel mit demselben Motiv kann über seine Rahmenform einer Kölner Werkstätte aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zugewiesen werden. Die Heidelberger Kachel wurde jedoch höchstwahrscheinlich im benachbarten Speyer angefertigt. Ihr Rahmen findet seine Entsprechung in einem Stück aus dem Modelfund in der Großen Greiffengasse in Speyer. Von der gegen 1561 angefertigten Serie der sieben freien Künste haben sich im Historischen Museum der Pfalz nur vier Model erhalten. Doch zeigt der Vergleich mit der Matrize für die Rhetorik deutliche Übereinstimmungen in der Formgebung der Figur. Über das am Kornmarkt gefundene Kachelfragment gelingt somit nicht nur der Nachweis von Kachelimporten aus dem benachbarten Speyer. Es fand sich auch ein weiteres Belegstück für den Formenreichtum der überregional bekannten Renaissancehafnerei in der Großen Greiffengasse.

Weiterführende Literatur:

R. Franz, Der Kachelofen. Forsch. und Ber. des Kunsthist. Inst, der Univ. Graz 1 (1981);
S. Appuhn-Radtke, E. Kaiser, Keramik. In: Die Renaissance im deutschen Südwesten, Ausstellung des Bad. Landesmus. Karlsruhe im Heidelberger Schloß 1986, Bd. 2, 845ff.;
H-P. Mielke, Zur Typologie und Datierung gotischer Nischenkacheln mit Mainzer Rad. Mainzer Zeitschr. 71/72, 1976/77, 150ff.;
E. Schallmeyer, Spätmittelalterliche und neuzeitliche Brunnenfunde aus Rödermark-Ober-Roden, Krs. Offenbach a. M. Stadt und Kreis Offenbach a. M., N. F. 7, 1976, 29ff.;

Anmerkungen:

* © Harald Rosmanitz, Partenstein, 2010
Überarbeitet Fassung eines Aufsatzes, erschienen in: Dietrich Lutz (Hg.), Vor dem grossen Brand. Archäologie zu Füssen des Heidelberger Schlosses (Stuttgart 1992), 77-81

[1] Eine Erfassungungen der Nischenkacheln mit duchbrchenem Halbzylinder vom Typ Tannenberg in Rhein-Main-Raum und dem angrenzenden Unterfranken zeigte, dass Öfen mit solchen Kacheln auch in den Haushalten von Handwerkern sowie im dörflichen Milieu standen. Die Belegungsdichte hängt dabei maßgeblich von der Nähe zum Produktionszentrum Dieburg ab.
[2] Eine Übergangsform bilden Nischenkacheln mit durchbrochenem Halbzylinder. Bei diesen wurde das Vorsatzblatt geschlossen ausgearbeitet. Diese Kachelform dürfte in Süddeutschland spätestens etwa an 1480 zum gängigen Repertoire der Hafner gehört haben. Entsprechende Kacheln waren beispielsweise in Gerolzhofen noch um 1550 gebräuchlich (Hans Ramisch, Bodenfunde von Ofenkacheln des 16. und 17. Jahrhunderts aus Gerolzhofen, Landkreis Schweinfurt. Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege 34, 1980, 127-158).
[3] Balusterförmige Ofenfüße mit Beschlagwerk mit einem ringhaltenden Löwen in den Medaillons sind in mehreren Exemplaren auch für Mainz belegt (Mainz, Landesmuseum)

 
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