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Kunst als Dutzendware
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eine frühbarocke Kachelserie aus dem Oberrheintal* |

Fragment einer Blattkachel mit Thomas aus der oberrheinischen Apostelserie vom Typ C2,
graphitiert, 2. Hälfte 17. Jahrhundert
ehem. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg,
ursprünglich aus Karlsruhe-Durlach, Saumarkt,
24,0 cm x 19,0 cm.
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Bei archäologischen Untersuchungen in den Innenstädten von Ettlingen und Karlsruhe-Durlach konnte eine Vielzahl verschiedener Kacheln geborgen werden, die in Folge der Zerstörungen des Pfälzisch-Orleanschen Erbfolgekrieges im Jahre 1689 in den Boden gelangten. Ein Ensemble von zwei graphitierten Aufsatzöfen mit gußeisernen Feuerkästen aus dem Bereich des Saumarktes in Karlsruhe-Durlach bildete den Ausgangspunkt zur Erforschung dieser Materialgruppe.
Neben Überlegungen zur Rekonstruktion der Öfen konnten auch Beobachtungen zu den Einzelmotiven auf den Kacheln selbst gemacht werden. Eine der Motivserien - im folgenden als „oberrheinische Apostelserie" bezeichnet - zeigt stehende, ganzfigurige Apostel. Die Serie ist im Elsaß und in Südwestdeutschland in zahlreichen Varianten bekannt und zählt unabhängig von Territorialgrenzen zu den am häufigsten verwendeten Motivfolgen aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert. Am Beispiel der oberrheinischen Apostelserie lassen sich vorbildhaft Überlegungen zu Motivfindung, Werkstattbetrieb, Verbreitung und Nutzungsdauer erörtern.
Apostelserien bilden seit der Mitte des 16. Jahrhunderts einen wesentlichen Bestandteil des Motivschatzes auf Ofenkacheln. Die Serien setzen sich aus bis zu sechzehn Darstellungen zusammen. Sie zeigen Christus, die zwölf Apostel, Paulus, die Madonna und die Kreuzigung. Die älteste bekannte Serie mit stehenden Aposteln wurde zwischen 1550 und 1562 von Hans Berman nach Vorlagen von Hans Sebald Beham (1500-1550) gearbeitet. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ersetzte man in Südwestdeutschland die lineare Faltenführung auf den Reliefs von Hans Berman durch eine eigenständige, wesentlich komplexere Formgebung, so beispielsweise auf dem um 1586 entstandenen Ofen für St. Peter im Schwarzwald des Villinger Kunsthafners Hans Kraut. In der ersten Hälfte des 17 Jahrhunderts entstand eine nach niederländischen Kupferstichen gefertigte Apostelserie (Typ A), die bereits alle Merkmale der oberrheinischen Apostelserie aufweist. Die Innenfelder besitzen jedoch die anderthalbfache Größe, die Figuren sind weit plastischer ausgearbeitet und im Hintergrund erscheinen szenische Darstellungen mit dem Martyrium des Heiligen. Eine grün glasierte Petruskachel im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart weist mit ihrer Sockelinschrift „RS 1645" darauf hin, daß auch noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts parallel zu den oberrheinischen Apostelserien entsprechende Formen gefertigt wurden. |

Rekonstruktion der Stirnseite des frühbarocken Oberofens v om Saumarkt in Karlsruhe-Durlach.
Der keramische Aufbau erhob sich ursprünglich über einem eisernen Feuerkasten |
Am Übergang zur Serie der oberrheinischen Apostel steht die Kachelfolge mit großfigurigen Aposteln aus dem Nordhof des Schlosses von Montbeliard (Typ B). Das Faltenspiel auf der Gewandung der Apostel deutet stilistisch eine Nähe zum Werk von Martin Schongauer an, doch weisen die Figuren eine in sich gedrehte Körperhaltung auf. Zudem betonen die wallenden Gewänder den darunter liegenden Körper. Die graphischen Vorlagen finden sich im Kreis der niederländischen Manieristen. Die zwölf blättrige, querformatige Kupferstichfolge wurde von Hendrik Goltzius (1558-1617) nach Marten de Vos (1532-1603) geschaffen. Die Apostel stehen jeweils leicht erhöht auf einem Podest am Bildrand. Vor einer Stadtsilhouette mit antikisierenden Bauten erkennt man ihr Martyrium. Der ganzfigurige Apostel am Bildrand ist von dem mit zahlreichen Figuren belebten Geschehen isoliert, nimmt aber Blickkontakt mit der Schilderung seiner Martern auf. Bei der Umsetzung in das Keramikrelief wurde die Figur von der Hintergrundszene gelöst und getreu der Vorlage fast vollständig übernommen. Detailformen wurden vereinfacht. Zur besseren Lesbarkeit hob man die Attribute des Heiligen durch Vergrößerung hervor.
Mit Ausnahme einer an der Rahmenarchitektur der Apostelserie vom Typ B orientierten Serie aus Montbéliard weisen die nach Goltzius gearbeiteten Apostelserien im Architektur rahmen armlose Wächterfiguren auf. Sie charakterisieren die oberrheinische Apostelserie (Typ C). Das Motiv der armlosen Wächterfiguren stammt aus zeitgenössischen Architekturtraktaten, wie der 1593 in Straßburg veröffentlichten Säulenordnung von Wendel Dietterlin (1550-1599), in denen in Anlehnung an Vitruv die Säule von der menschlichen Gestalt abgeleitet wird. Eine Variante des Motivs in Form einer um 1610 gefertigten Bekrönungskachel stammt aus dem Bischofspalast von Zabern. |
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Fragment des Models des Innenfelds einer Blattkachel
mit Philippus aus der oberrheinischen Apostelserie
unglasiert, 1669
Karlsruhe, Badisches Landesmuseum,
10,0 cm x 8,0 cm. |
Philippus aus einer Apostelfolge.
Kupferstich von Hendrik Goltzius, um 1600
(aus: lllustrated Bartsch 3.1, 331, Kat. Nr. 295b). |
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Die Serie der oberrheinischen Apostel kann in vier Typen unterteilt werden, die lediglich in Details voneinander abweichen. Bei der Mehrzahl der Kacheln aus der oberrheinischen Apostelserie ist der Rahmen durch zurückhaltenden Ornamentbesatz und durch Akanthusrosetten in den Postamenten gekennzeichnet (Typ C1). Zwei Putten in den Zwickeln stabilisieren das zentrale Rollwerk im Bogenscheitel. Die Gruppe mit einfacher Rahmung ist am gesamten Oberrhein verbreitet. Innerhalb des Typus C1 lassen sich drei Sonderformen erkennen: vornehmlich in Villingen gefertigte Kacheln zeigen eine insgesamt gedrücktere Darstellung der Putten im Zwickelbereich. Ebenfalls eine eigenständige Rahmenausbildung ist für Staufen (bei Freiburg) nachgewiesen. Dort scheinen die Putten in den Zwickeln zu fliegen. Eine weitgehend übereinstimmende, jedoch vereinfachte Rahmenarchitektur faßt eine Evangelistenserie ein (Typ C1c). Der Inschrift „HMS Anno 1698" auf einem Stuttgarter Model zufolge wurden solche Kacheln noch am Ende des 17. Jahrhunderts gefertigt.
Eine der oberrheinischen Apostelserien ist durch die Attribute der beiden Putten, die Sonne im Bogenscheitel und die Löwenmasken in den Sockelzonen des Rahmenwerks charakterisiert (Typ C2). Das Zusammenspiel dieser Zierelemente läßt sich auf die Region um Straßburg und auf Nordbaden begrenzen. Bis auf Durlach und Straßburg schließen sich die Verbreitungsgebiete beider Serien gegenseitig aus. Man sollte jedoch davon Abstand nehmen, deshalb für bestimmte Regionen lediglich auf das Vorhandensein einer Serie zu schließen. Eine weitere Abwandlung der Serie (Typ C3) weist über einem Bogen mit schuppenbandbesetzter Laibung im Scheitel eine nach unten blickende Frauenmaske auf. Die Zwickelfelder sind mit überdimensionalen Puttenköpfen besetzt. Als Innenfelder verwendete man Christus und die Evangelisten. |

Rahmenformen mit der oberrheinischen Apostelserie:
1: Typ C1;
2: Typ C 1a (Zwickel mit gedrückten Putten);
3: Typ C 1b (Zwickel mit fliegenden Pullen);
4: Typ C2;
5: Typ C3 (Zwickel mit Puttenköpfen). |
Reliefs mit den oberrheinischen Aposteln fanden auch in einer wesentlich aufwendiger gestalteten Rahmung Verwendung (Typ C4). Statt der stehenden Wächterfiguren ist das Innenfeld von den alttestamentarischen Figuren Hiob und Samson flankiert. Sie dürfen nicht als typologische Vorgänger zu den Aposteln gedeutet werden. Vielmehr versinnbildlichen sie die christlichen Tugenden der „patientia" [Hiob und der „fortitudo" [Samson]. Nicht nur die Innenfelder sondern auch die Zone über den Kämpfergesimsen der Rahmenarchitektur weist deutliche Übereinstimmungen mit den bislang vorgestellten Typen auf. Die Verbreitung der letztgenannten Bildfolge beschränkt sich auf Bayern und Österreich.
Alle Kacheln mit Hiob und Samson tragen in der Sockelzone die Inschrift „16 GS 55". Dieser Rahmen des Meisters GS läßt sich damit auf die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts beschränken. Ein auf das Jahr 1678 datiertes Stück aus Wunsiedel im Fichtelgebirge bestätigt, daß Innenfeldmodel der Serie bis nach Oberfranken verhandelt wurden. Der nördlichste Beleg für die Verwendung der oberrheinischen Apostelserie bildet der Fund einer Apostelkachel vom Typ C1 in London.
Am Ende des 17 Jahrhunderts verwendete man in Südbaden und in der Nordschweiz eine weitere Apostelserie mit auffallend kleinformatigen Innenfeldern (Typ D). Die beiden flankierenden Pfeiler des breiten Rahmens enthalten in Nischen je eine Vase mit einem Blumenstrauß. Die Betonung des ornamentalen Charakters weist die Serie stilistisch als Nachfolger der oberrheinischen Apostelserie aus. Um so mehr überrascht die Inschrift „MW 1634" auf der Rückseite eines Stuttgarter Models. Für die frühe Datierung spricht auch die Verwendung älterer graphischer Vorlagen aus dem Umfeld Martin Schongauers zur Gestaltung der Apostelfiguren. |

Fragment einer Blattkachel mit dem Evangelisten Johannes
aus der oberrheinischen Apostelserie vom Typ C3,
graphitiert, 17. Jh.
Offenburg, Museum im Ritterhaus,
21,0 cm x 17,0 cm.
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Der Produktions- und Nutzungszeitraum von Kacheln läßt sich durch die stilistische Motivanalyse sowie durch die Datierungen auf Kacheln und Modeln erschließen. Anhand der graphischen Vorlage kann die oberrheinische Apostelserie stilistisch an den Beginn des 17. Jahrhunderts datiert werden. Um den Nutzungszeitraum der Serie besser einzuengen, empfiehlt sich die Hinzunahme von Jahresnennungen auf den Rückseiten der Model oder auf den Kacheln selbst. Damit läßt sich zumindest ansatzweise die Zeitspanne ermitteln, in der das Motiv zur Modelfabrikation verwendet wurde. Für die oberrheinische Apostelserie konnten Jahresnennungen zwischen 1669 und 1689 ermittelt werden. Zu den datierten Kacheln und Modeln kommen zwei Keramikplatten in Stuttgart und Zürich hinzu. Das Relief im Württembergischen Landesmuseum zeigt eine großformatige Kreuzigungsgruppe und drei Apostel aus der oberrheinischen Apostelfolge. In der Sockelzone befindet sich die eingeritzte Jahreszahl „1688".
Die graphischen Vorlagen für die Apostelserie waren bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Umlauf. Für das Fehlen signierter Model in diesem Zeitraum gibt es zwei Erklärungen: Entweder setzte sich die Sitte des Signierens erst nach 1650 durch, oder die in Frage kommenden graphischen Vorlagen wurden erst spät umgesetzt. Da zahlreiche elsässische und südwestdeutsche Model seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts Signaturen tragen, scheidet dies aus.
Eine Datierung in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts wird auch durch die Befundanalyse weitgehend bestätigt. Die durch Baudaten abgesicherten Baubefunde in Emmendingen- Hochburg, Karlsruhe-Durlach und auf der Burg Rötteln bei Lörrach geben einen Nutzungszeitraum zwischen 1660 und 1689 an. Der Nachweis der Apostelserie vom Typ C2 im Brandschutt der 1689 zerstörten Töpferei im Bereich der Alten Markthalle in Ettlingen spricht weiterhin dafür, daß auch noch im letzten Drittel des 17 Jahrhunderts vergleichbare Ofenkeramik gefertigt wurde. Die Datierung der frühbarocken Ofenkacheln mit Hilfe von Baubefunden stellt jedoch eher einen zufälligen Faktor dar. Damit läßt sich meist nur der Zeitpunkt ermitteln, an dem Kacheln in Folge von Kriegszerstörungen oder, weil sie dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprachen, in den Boden gelangten. Der Nutzungszeitraum der Öfen kann weder am Objekt selbst, noch mit Hilfe archivalischer Quellen erfaßt werden. |

Verbreitung der Serie der Oberrheinischen Apostel vom Typ C1-3
Die blauen Punkte markieren Produktionsorte,
die roten Punkte markieren Kachelofenstandorte.
Karte: J. Jung, Spessart-GIS 2009
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Kacheln der Apostelserie vom Typ C in der zwischen 1629 und 1632 angelegten Aufschüttung des nördlichen Hofes des Schlosses von Montbéliard und aus der im Jahre 1635 zerstörten Hohkönigsburg bei Schlettstadt bestätigen, daß bereits kurz nach Erscheinen der graphischen Vorlagen entsprechende Kacheln gefertigt wurden. Die Apostelfolge von Montbéliard nimmt innerhalb des Kachelfundes aus dem Schloß des Herzogs von Württemberg eine Sonderstellung ein, da die übrigen Kacheln aus der Verfüllung eher traditionelle Motive aus der Mitte des 16. Jahrhunderts aufweisen. Die Apostelserie ist für Montbéliard auch durch Schriftquellen bezeugt. Das Nachlaßinventar des 1631 in Montbéliard verstorbenen Hanz Patzestainer führt neben... Quatre figures pcrpresentant quelques appostres de terre qui se mettent au milieu de lad forme ..., also vier Innenfeldmodel mit stehenden Aposteln weiterhin ... Une forme de moule de bois vuide au milieu dans laquelle on peult mettre lesd appostres... an. Wahrscheinlich bezeichnete der Nachlaßverwalter damit eine hölzerne Patrize zur Herstellung von Rahmenmodeln für die Apostelserie. Wenn sich ein solches Stück tatsächlich im Besitz von Hans Patzestainer befand, liegt die Vermutung nahe, daß der im Auftrag des Herzogs von Württemberg in Montbéliard tätige Hafner nicht nur über Kenntnisse zur Herstellung von Kacheln, sondern auch zur Anfertigung der dafür benötigten Patrizen besaß. Die eher sporadische Verwendung der Apostelserie zu Beginn des 17. Jahrhunderts steht im Gegensatz zu der breit gestreuten, intensiven Nutzung am Ende des Jahrhunderts. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Motiv nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges Eingang in die Formensprache aller Ortshafnereien in Südwestdeutschland und im Elsaß gefunden.
Nach den Erörterungen zum Motiv und seiner Datierung stellt sich die Frage nach dem Einbau der Kacheln in den Ofenkörper und die Stellung des Motivs innerhalb des Bildprogramms der Raumheizung. Eine Zuweisung eines bestimmten Typus der Apostelserie zu einer Ofenform ist nicht möglich. Über das ursprüngliche Aussehen eines mit Apostelkacheln bestückten Ofens ist man aufgrund von zwei erhaltenen Exemplaren in Freiburg im Breisgau und Wülfingen (Kt. Zürich) sowie durch ein Straßburger Ofenmodell vergleichsweise gut unterrichtet. Hinzu kommen die Rekonstruktionen von Apostelöfen in Emmendingen-Hochburg, Engen und Karlsruhe-Durlach. Der Wülfinger Ofen wurde von dem Winterthurer Hafner Hans Heinrich Pfau 1672 für das Schloß Wülfingen bei Winterthur geschaffen. Der dreizeilige Apostelkachelbesatz ist an den Eckkanten von Hermenpilastern eingefaßt. Das Straßburger Ofenmodell belegt den Einbau der Apostelserie über einem eisernen Feuerkasten. Im Gegensatz zum Ofen aus Karlsruhe- Durlach setzen sich jedoch beide Stufen des zweiteiligen Oberofens aus gleichartigen Kacheln zusammen. |

von links nach rechts:
Patrize mit Christus zur Fertigung eines Innenfeldmodels aus der oberrheinischen Apostelserie vom Typ C,
18,0 x 11,0 cm. Hagenau, Musée Historique
Innenfeldmodel mit Christus aus der oberrheinischen Apostelserie v om Typ C,
17,0 x 8,5 cm. Villingen, Museum Alles Rathaus
Kachel mit Christus aus der oberrheinischen Apostelserie v om Typ C2,
22,5 x 18,5 cm. Ettlingen, Albgaumuseum. |
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Ein- oder zweiteilige Model mit der Apostelserie gehörten am Oberrhein zum festen Bestandteil der Ortshafnereien. Neben dem Kauf der teueren Negativformen auf überregionalen Märkten konnte der Hafner weitaus günstiger in den Besitz von Modeln gelangen, indem er sie von Ofenkacheln abnahm. Die aus solchen Modeln gefertigten Sekundärabformungen bleiben in der Qualität weit hinter den aus den ursprünglichen Modeln gewonnenen Kacheln zurück. Daß nicht jeder Hafner über solche Modelverfügte, zeigen die Halbfabrikate aus der Töpferei im Bereich der Alten Markthalle in Ettlingen. Das Fehlen von Modeln und der geringe Bestand an Apostelkacheln sprechen dafür, daß die Kacheln auf speziellen Wunsch des Auftraggebers von einem anderen ortsansässigen Hafner aufgekauft wurden, der die benötigten Model besaß. Denkbar wäre auch das Verhandeln der Ware auf überregionalen Märkten.
Eine Zuweisung der Kacheln zu bestimmten Werkstätten gelingt eher selten, zumal man davon ausgehen muß, daß bereits die Model auf überregionaler Ebene verhandelt wurden und dadurch das Formenspektrum unterschiedlicher formgebender Werkstätten in den Modelbestand einer Ortshafnerei gelangte. Dennoch lassen sich mit großer Vorsicht gewisse Kriterien für bestimmte Werkstattkreise herausarbeiten. So verwendete man in Villingen eine Rahmenarchitektur, in der die Putten eine leicht gebückte Haltung einnehmen. Entsprechende Formen sind auch für Emmendingen-Hochburg und für Schramberg belegt. Die Bauakten der Burg Hohenschramberg bestätigen die Vermutung, daß man die benötigten Kacheln direkt aus Villingen bezog.
Klare Aussagen zur Entstehung der Motive erlauben die Patrizen. Sie stellen das Bindeglied zwischen zweidimensionaler Vorlage und der seriellen Fertigung dar. Die Reliefs dienten als Positivformen zur Herstellung von Modeln. Spuren von Holzmaserung in den Kachelmodeln zeigen, daß die Patrizen zum Großteil kleine Relieftafeln aus Holz waren. Nur in seltenen Fällen lassen sich keramische Positivformen nachweisen. Um so erstaunlicher ist die Tatsache, daß sich das Christusmotiv aus der Apostelserie gleich auf zwei Patrizen in Hagenau und Villingen erhalten hat. Beide Reliefs wurden nach derselben graphischen Vorlage gearbeitet. In Details weichen die Stücke jedoch deutlich von einander ab. So fehlt auf dem Hagenauer Relief der von Bäumen und Häusern belebte Bildhintergrund der Villinger Patrize. Die eingeschränkte Bildersprache wird auf der Elsässer Patrize durch qualitätvolle Gewandmodellierung ausgeglichen. Es ist unmöglich, eines der Stücke als Nacharbeitung zu identifizieren. Man kann eher davon ausgehen, daß beide Patrizen, die in ihren Abmessungen nur unmerklich von einander abweichen, etwa gleichzeitig und vermutlich von einem Künstler geschaffen wurden. Die Zuschreibung der Villinger Patrize in das Werkschaffen von Hans Kraut kann ausgeschlossen werden, obwohl die Einritzung „HK" auf der Rückseite des Villinger Stückes eine entsprechende Vermutung aufkommen läßt. Allerdings ist das Monogramm nur schwach in die Keramik eingeritzt und unterscheidet sich damit von allen bislang bekannten Künstlersignaturen auf der Rückseite von Patrizen und Modeln, die noch in lederhartem Zustand tief in den Tonkörper eingedrückt wurden. Gegen eine Zuweisung zum Werkschaffen von Hans Kraut spricht weiterhin der Umstand, daß die graphische Vorlage von Maerten de Vos kaum vor 1600, also nach dem Tode des Villinger Hafners, entstand. Am ehesten kann man die Inschrift als naheliegende Möglichkeit werten, beim Verkauf an das Villinger Museum durch Hinzufügung des Gütezeichens einen höheren Verkaufspreis zu erzielen. |

Fragment einer Blattkachel mit der Allegorie der Gerechtigkeit in einem Rahmen aus der oberrheinischen Apostelserie vom Typ C1,
dunkelbraun glasiert, 17. Jh.
ehemals Landesdenkmalamt Baden-Württemberg,
ursprünglich aus Alpirsbach, Kloster
13,0 cm x 8,0 cm.
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Die Verwendung zweiteiliger Model ermöglichte es, mühelos auch andere Innenfelder als die Apostelserie in den Rahmen mit armlosen Wächterfiguren einzubinden. Bei der oberrheinischen Apostelserie behielt man jedoch die Verbindung von Rahmen und Innenfeld bis auf drei Ausnahmen in Alpirsbach und in Emmendingen- Hochburg bei. In zwei Fällen griff man auf Tugendallegorien in Frauengestalt zurück, wie sie in anderem Rahmen ebenfalls für die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts typisch sind. Eine weitere Hirsauer Kachel zeigt im Innenfeld den Propheten Josef von Ägypten. Im Gegensatz zu den weiblichen Tugendallegorien war die Serie der alttestamentarischen Figuren zum Zeitpunkt der Entstehung des Rahmens mit armlosen Wächterfiguren bereits über ein halbes Jahrhundert in Gebrauch. Der Hafner wertete ein veraltetes Motiv lediglich durch die Einbindung in einen etwas moderneren Rahmen auf.
Als Fazit bleibt festzuhalten, daß mit Hilfe von Vergleichsstücken in Südwestdeutschland und dem Elsaß nicht nur das Formenspektrum an Rahmenund Innenfeldvarianten, sondern auch der Weg von der graphischen Vorlage bis zum Ofen im Haushalt des Endverbrauchers nachgezeichnet werden kann. Dabei treten die mit der Massenproduktion verknüpften Schwierigkeiten hinsichtlich der Datierung und der Frage nach motivbildenden Werkstätten deutlich zu Tage. Der Vergleich der Druckgraphik mit dem Kachelrelief zeigt, daß die Apostelserie am Übergang von der detailgenauen Kopie einer graphischen Vorlage zur freiplastischen Modellierung in Anlehnung an eine graphische Vorlage steht. Die Reliefs auf frühbarocken Kacheln sind fast ausnahmslos keine Neuschöpfungen ortsansässiger Hafner. Sie fertigten lediglich aus den zur Verfügung stehenden Negativformen eine Vielzahl gleichartiger Kacheln. Die Bandbreite an Motiven war von der Zugriffsmöglichkeit auf formgebende überregionale Märkte bestimmt. Zwei Backmodel aus Basel mit Aposteln nach Vorlagen von Hendrik Goltzius verdeutlichen, daß ähnliche Entwicklungen parallel zu den Kacheln in allen Bereichen des Kunsthandwerks und der bildenden Künste zu beobachten sind.
Den Hinweis auf das Nachlaßinventar von Hans Patzestainer verdanke ich Herrn Beinard Goetz, Montbéliard.
* © Harald Rosmanitz, Partenstein, 2010
Erweiterte und überarbeitete Fassung des Aufsatzes Kunst als Dutzendware – eine frühbarocke Kachelserie aus dem Oberrheintal.
Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes 25, 1996, 140-147.
Weiterführende Literatur:
S. Appuhn-Radtke / E. Kayser, Keramik. In: Die Renaissance im deutschen Südwesten zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg. Eine Ausstellung des Landes Baden- Württemberg im Heidelberger Schloß (Karlsruhe 1986) 879, Kat. Nr. S 41.
P. Brunei, Le XVIe siede, la reforme et la ceramique de poele. In: Societe d'Histoire et d'Archeologie de Colmar, Annuaire 25,1974/ 75,169-177
B. Goetz, Montbeliard (Doubs). Los ceramiques de poele de la cour nord du chäteau, 1629-1632. In: Ex pots... ceramiques medievales et modernes en Franche-Comte (Montbeliard 1995), 182-201.
H. Rosmanitz, Evangelisten, Tugenden und ein Kurfürst. Bildersprache und Formenvielfalt frühbarocker Ofenkacheln. In: A. Bedal / I. Fehle (Hg.), Haus(ge)schichten: Bauen und Wohnen im alten Hall und seiner Katharinenvorstadt (Sigmaringen 1994), 149-164.
H. Rosmanitz, Die barocken Kachelöfen aus dem Bereich des Saumarkts in Karlsruhe- Durlach. Bildersprache und Rekonstruktion. (Magisterarbeit, Karlsruhe 1995).
H. Rosmanitz, Die frühbarocken Plattenöfen aus dem Haus eines Kaufmanns in Karlsruhe-Durlach. Zur Frage der Rekonstruktion und Motivwahl. In: Denkmalpflege und Forschung in Westfalen 32,1995,125-142.
M. Schmaedecke, Der Breisacher Münsterberg. Topographie und Entwicklung. Forschungen und Berichte der Archäologie des
Mittelalters in Baden-Württemberg 11 (Stuttgart 1992) 256, Taf. 52.2.
L. Späth, Kachelöfen auf der Burg Hohenschramberg. In: D'Kräz. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Raumschaft Schramberg
2,1982, 32-42.
A. Stangl, 900 Jahre Kloster Alpirsbach. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 24,
1995, 3-8.
S. Stelzle-Hüglin, Von Abraham bis Samson: Eine renaissancezeitliche Kachelserie mit alttestamentarischen
Figuren. Bemerkungen zu Ikonographie und Verbreitungsbild. In: Nearchos 1,1993 (Beiträge vom 25. Internationalen Hafnerei-Symposium in Lienz/Osttirol 1992)155-163.
W L. Strauss (Hrsg.), The lllustrated Barisch. Vol. 3: Netherlandish Artists: Hendrik Goltzius (New York 1980) 262-263, Kat. Nr. 295(90)-296 (90), 327, Kat. Nr. 294 a-b, 329, Kat. Nr. 294 c - d , 331-333, Kat. Nr. 295-296b.
A. Walcher von Molthein, Bunte Hafnerkeramik der Renaissance in den Ländern Österreichs ob der Enns und Salzburg, mit besonderer Berücksichtigung ihrer Beziehungen zu den gleichzeitigen Arbeiten der Nürnberger Hafner (Wien 1906) 79, Fig. 128.
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